Bildung und Kultur sind die Grundlage der Gesellschaft
Ein Blick von außen: Der neue Direktor für Ladinische Bildung und Kultur André Comploi im Gespräch
Das Teatro alla Scala ist auf nationaler und internationaler Ebene ein Begriff. Was hat Sie dazu bewogen, in den öffentlichen Dienst des Landes Südtirol zu wechseln?
Die Entscheidung ist mir tatsächlich nicht leicht gefallen nach achtzehn äußerst intensiven Jahren in der Opernbranche, zuerst an der Wiener Staatsoper, dann an der Mailänder Scala. Letztendlich waren zwei Gründe ausschlaggebend für den Wechsel: Zum einen ist die neue Aufgabe eine einmalige Gelegenheit, mich verstärkt für die mir so am Herzen liegende Ladinische Bildung, Sprache und Kultur einzusetzen – Bildung ist die Grundlage der Gesellschaft, die Kultur eine tragende Säule unserer Zivilisation. Zum anderen ermöglicht mir diese berufliche Veränderung, wieder mit meiner Familie zusammenleben zu können.
Wie reagieren Menschen im beruflichen Umfeld in Mailand und Wien unterschiedlich darauf, wenn sie erfahren, dass jemand aus einer Minderheitenregion stammt und eine Sprache spricht, die nur von 30.000 Menschen gesprochen wird?
Großteils stößt das Thema auf Interesse – und oft wundere ich mich, wie wenig selbst Italiener und Österreicher über unsere Minderheit wissen. Manche kennen eher das „Ladino“ der sephardischen Juden als das Dolomitenladinische. Aber: Es ist jedenfalls gleich ein gutes Eisbrecher-Thema und interessanter und ergiebiger als das Wetter, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen bei Veranstaltungen, Premierenfeiern, Dinners etc. (lacht). Meist staunen die Leute, wenn ich ihnen erzähle, dass mir meine Muttersprache, die international vornehmlich unbekannt ist, wichtig ist, dass ich Ladinisch mit meinen Kindern spreche, selbst in unserer Wiener Zeit, dass ich Publikationen zu ladinischen Themen veröffentlicht habe etc. In der Opernwelt gibt es aber einen bekannten Ladiner seit einigen Jahren: den Wengener Bariton Andrè Schuen, der eine sehr schöne internationale Karriere macht.
Warum ist die Förderung der ladinischen Sprache und Kultur für Sie persönlich wichtig?
Das ist eine gute Frage … Und da muss ich kurz ausholen: Ich sprach in meiner Mailänder Zeit täglich fünf Sprachen – Ladinisch natürlich fast nur bei Video-Anrufen mit meiner Familie. Es gibt aber Dinge, die ich nur in meiner Muttersprache ausdrücken kann. Ich habe auch manchmal Gedichte geschrieben – und das funktioniert bei mir nur auf Ladinisch. Obwohl ich wirklich sehr gut Deutsch kann und ich mir die Weltliteratur hauptsächlich auf Deutsch erlesen habe. Aber die inneren Regungen, Gedanken, die ich in Gedichten zum Ausdruck bringe, klingen – aus meiner Sicht – bei mir banal auf Deutsch, Italienisch, Englisch oder Französisch.
So viel zur Frage, warum mir persönlich meine Muttersprache so wichtig ist. Es gibt dann natürlich viele weitere Gründe, warum Minderheitensprachen und -Kultur förderungswürdig sind – einer der wichtigsten wohl auch zwecks Erhalt der kulturellen Vielfalt. Und für die Ladiner selbst, um die eigenen Wurzeln zu erkennen und zu verstehen. Neben dem Erhalt von Sprache und Kultur müssen wir diese durch stetige Weiterentwicklung am Leben erhalten.
Wie möchten Sie Ihre internationale Erfahrung in die Arbeit mit der ladinischen Gemeinschaft einbringen?
Die möglicherweise wertvollste Erfahrung, die ich mitbringe, ist der tägliche Austausch mit zahlreichen Menschen unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und „mindsets“, die gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Da lernt man sehr stark, vorgefasste Meinungen zu hinterfragen, über den Tellerrand zu blicken und neue Lösungen zu finden. Hinauszuschauen öffnet einem die Augen! So hoffe ich, dass wir es auch in meinem neuen Arbeitsbereich schaffen, neue Sichtweisen und Impulse einzubringen, um so die ladinische Bildung und Kultur weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Und es gibt sicherlich die Möglichkeit, da und dort auch konkret an meinem internationalen Netzwerk anzudocken.
Welche Vorteile bringt der Blick von außen Ihrer Meinung nach? Welche möglichen Schwierigkeiten?
Den Blick von außen haben wir mit dem Intendanten Dominique Meyer vor fünf Jahren auch an die Scala gebracht – und letztendlich vieles systematisch verändert. Das war nicht immer einfach, weil es auch Vorbehalte und Widerstände gab. Aber es ist wichtig, manchmal eingerostete Strukturen und Prozeduren zu hinterfragen und gegebenenfalls aufzubrechen. Was nicht heißt, dass brachial alles prinzipiell verändert werden muss. Aber nüchtern zu analysieren: was funktioniert gut, was weniger, was kann wie verbessert werden. Und das geht oft leichter mit einem nicht betriebsblinden Blick von außen.
Welchen Stellenwert hat Kultur und kulturelle Arbeit für die Gesellschaft in Zeiten von KI?
Das ist eine schwierige Frage, die ich so einfach nicht beantworten kann. Auch weil wir noch gar nicht wissen, was diese sicherlich sehr einschneidende KI-Revolution für Folgen haben wird. Aber eine Sache, über die ich kürzlich in diesem Zusammenhang nachgedacht habe: Es wird uns wohl dazu veranlassen, uns – etwa in der Bildung – mehr auf den Gebrauch des Werkzeugs „Urteilskraft“ zu konzentrieren. Beispielsweise um unterscheiden zu können, was real-menschengemacht, was durch KI erstellt ist. Dazu braucht es die Fähigkeit, kritisch mit der Realität umzugehen zu können. Und das wiederum muss gelernt sein!
Grundsätzlich halte ich KI für ein äußerst hilfreiches Werkzeug, wenn richtig eingesetzt und als solches deklariert.
tk
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