EUREGIO Tirol-Südtirol-Trentino
Interview mit Werner Pescosta, Historiker und Vizedirektor des Ladinischen Kulturinstituts Micurá de Rü
Nicht alle Ladiner kennen die Euregio. Worum handelt es sich genau?
Es handelt sich um eine politische Initiative der besonderen Art, in welcher die Regionen Tirol, Südtirol und Trentino eingebunden sind und die folglich überprovinziell, überregional und überstaatlich ist. Außerdem nimmt ein Vertreter der drei geschichtlichen ladinischen Gemeinden der Region Venetien (Cortina, Livinallongo und Colle Santa Lucia) als Beobachter - allerdings ohne Stimmrecht - an den Sitzungen der Euregio teil.
Wann und warum wurde sie eingerichtet?
Bereits in den Römischen Verträgen von 1957 - und noch deutlicher im Vertrag von Lissabon von 2009 - hatten die europäischen Institutionen die Notwendigkeit betont, dass soziale, wirtschaftliche und territorial herrschende Ungleichheiten in der Entwicklung zwischen Regionen auszugleichen sind. Genau aus diesem Grund wurden zahlreiche Europäische Partnerschaften für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit ins Leben gerufen, um verwaltungstechnisch überregional zu operieren und so gezielte Bildungs- und Fortbildungsprogramme für Kohäsionspartnerschaften zu entwickeln, um auf diese Weise Ungleichheiten in der Entwicklung zwischen einzelnen Gebieten auszugleichen. Ein Beispiel für ein europäisches Partnerschaftsabkommen für territoriale Kohäsion ist die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino, die am 14. Juni 2011 offiziell gegründet wurde.
Worum geht es in der Euregio konkret?
Das vielleicht heikelste Thema der Euregio ist die Frage um die Zuständigkeiten. Wie wir wissen, verfügen Gemeinden, Provinzen und Regionen bereits über eigene Aufgaben- und Kompetenzbereiche. Es ist daher unabdingbar, die Bereiche auszumachen, die allen drei Gebieten - Tirol, Südtirol und Trentino - gemeinsam sind, in denen aber eventuell unterschiedliche gesetzliche Regelungen vorliegen könnten. Die Situation ist mit jener der Dolomitenladiner vergleichbar, die verwaltungstechnisch in zwei Regionen und drei Provinzen fallen. Meiner Meinung nach könnte die Euregio-Initiative für die Ladinerinnen und Ladiner eine äußerst interessante und durchaus nützliche Gelegenheit bieten. Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass die Ausarbeitung eines Kohäsionsprogrammes auf verwaltungstechnischer, politischer, sozialer und kultureller Ebene, sowie die Förderung einer einheitlichen Entwicklung der ladinischen Gemeinschaft des historischen Tirols keine einfache Angelegenheit darstellt. Denkbar wäre es in den Bereichen Mobilität, Kultur und Sprache zusammenzuarbeiten, aber auch ein Zusammenspiel zwischen den verschiedenen ladinischen Institutionen (Kulturinstitute, Schulen, Museen) und Ortschaften ist nicht auszuschließen. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig, allerdings braucht es dazu Menschen, die mit dem richtigen Maß an Idealismus und Begeisterung ausgestattet sind. Menschen die Angelegenheiten angehen, damit diese Realität werden und nicht nur auf dem Papier bleiben.
Gibt es also für die Euregio konkrete Entwicklungsmöglichkeiten?
Ich hoffe es sehr, auch weil die Euregio eine recht junge Institution ist. Aber es braucht Planung, Koordination, gemeinsame Visionen, die dann auch gemeinsam angegangen werden. Ich habe den Eindruck, dass die Zeit für viele Themen noch nicht ganz reif ist. Ohne das Zweite Autonomiestatut in irgendeiner Weise schmälern zu wollen, (das allerdings nur die Ladiner der Provinzen Bozen und Trient betrifft) hat die italienische Politik - sowohl auf nationaler als auch auf regionaler und provinzieller Ebene - sehr wenig getan, um die Rechte der Ladiner und Ladinerinnen als Minderheit anzuerkennen, angefangen bei den Forderungen nach einer Wiedervereinigung unter einem gemeinsamen Verwaltungsapparat. Aber wenn auch das nationale politische System noch immer seine Grenzen aufzeigt, gibt es glücklicherweise auf europäischer Ebene Politikansätze, die dank der supra-territorialen Zusammenarbeit, d.h. dank einer innovativen und auf Zusammenhalt ausgerichteten politisch-administrativen Einrichtung wie der Euregio, hoffnungsvolle Perspektiven für die Zukunft der Ladiner und Ladinerinnen aufzeigen. Zweifelsohne stellt die Euregio auf verwaltungstechnischer Ebene ein großes Potential für unser Land dar.
dl/vl
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