Sie packt es an
Sofia Steger, 31, ist seit 2024 Nachhaltigkeitsbeauftragte des Betriebs Landesmuseen und hat den Auftrag, die Museen in eine nachhaltige Zukunft zu begleiten. Wie sie diese Mammutaufgabe bewältigen möchte, erzählt sie im Interview.
Frau Steger, wie wird man Nachhaltigkeitsbeauftragte? Mein Werdegang dient vielleicht nicht wirklich als Blaupause für andere, ich habe nämlich immer wieder neue Wege eingeschlagen. Meine Familie kommt aus dem Gastgewerbe, ich selbst habe das Pädagogische Gymnasium mit Fachrichtung Musik besucht. Mit meinem jugendlichen Idealismus wollte ich die Welt verbessern und habe deshalb mit OEW und YoungCaritas einen Solidaritätsbesuch an einer Schule in Uganda gemacht. Nach meiner Rückkehr habe ich unterrichtet, aber irgendwas hat mich wieder nach Uganda zurückgezogen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon erkannt, dass es nicht so einfach ist, die Welt zu verbessern. Aber ich wollte unbedingt etwas studieren, das mir meinen Idealismus zumindest teilweise bewahren würde.
So sind Sie zum Katastrophenmanagement gekommen? Genau, ich habe Krisen- und Katastrophenmanagement in Uganda studiert und im Rahmen meines Studiums angefangen, für die Frauen- und LGBT-Bewegung zu arbeiten. Ich habe mit meinem Team Statistiken erhoben und Frauen, Mädchen und Menschen in der LGBT-Community befragt. Das war eine sehr bewegende Arbeit.
2018 kamen Sie zurück nach Südtirol und arbeiteten im Ticketshop im Landesmuseum Bergbau. Wie ging es weiter? Ich bin sozusagen „hängengeblieben“. Zunächst habe ich mich weitergebildet und für das Landesmuseum Bergbau die Bereiche Marketing und Eventmanagement übernommen. Letztes Jahr absolvierte ich einen Zertifikatskurs für Nachhaltigkeits- und Transformationsmanagement und seit Januar 2024 darf ich diesen Bereich für den Betrieb Landesmuseen managen.
Haben Ihre Ausbildung und Arbeitserfahrung in Uganda Ihr Nachhaltigkeitsverständnis geprägt? Absolut! Ich habe gelernt, dass Nachhaltigkeit mehr als nur Öko ist. Bei meiner Diplomarbeit zu den sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Einflüssen von Großkonzernen wie Coca-Cola und Nestlé auf die Gesellschaft ist mir klar geworden, wie sehr Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft miteinander verknüpft sind. Durch die Arbeit in der Bewegung habe ich ein vertieftes Bewusstsein für intersektionalen Feminismus und soziale Gerechtigkeit entwickelt. Die Marketingarbeit zeigt mir immer mehr, wie Green- und Pinkwashing unsere Meinungen beeinflusst.
Es ist das erste Mal, dass es diese Funktion der Nachhaltigkeitsbeauftragten des Betriebs Landesmuseen gibt. Wo fangen Sie an? Der erste Schritt, den ich unternehme, ist gleichzeitig meine zentrale Aufgabe: Ich konzipiere eine Strategie, wie sich der Betrieb zukunftsfähig machen kann, und sorge dafür, dass diese Strategie konsequent in die Tat umgesetzt wird.
Was sind die konkreten Schritte, um die Landesmuseen nachhaltig zu machen? Nach einer ersten Status Quo- und Kontextanalyse war es meine Aufgabe, ein gemeinsames Ziel für alle Landesmuseen zu definieren – das darf auch gern eine utopische Vision sein. Um diese Utopie mit der nüchternen Realität zu verbinden, richte ich den Blick in der Strategie auf die Mitarbeitenden, weil ich verstehen muss, wo Hürden auftauchen könnten, um darauf reagieren zu können.
Mit Ihrem Projektteam haben sie eine Befragung für die Mitarbeitenden entwickelt: Welches Ziel hat die Umfrage? Wir möchten erheben, welche Motivatoren und Resistenzen auftreten, wie stark sie ausgeprägt sind und mit welchen Personal- und Organisationsentwicklungsmaßnahmen begonnen werden muss. Je nach Ergebnis werden dann die Arbeitsgruppen in den Museen gegründet, die unter meiner Anleitung und Hilfestellung den weiteren Weg verfolgen. Bei Workshops werden die Arbeitsgruppen die einzelnen Tools und Schritte im Nachhaltigkeitsmanagement erlernen und dann auch das gesamte Team sensibilisieren können.
Welche weiteren Meilensteine sieht die Strategie vor? Wir wollen noch dieses Jahr die Workshops durchführen, um dann mit den Teams in die „richtige“ Arbeit zu starten. Es liegt da ein Koloss an Aufgaben vor uns: Materialitätsanalyse und CO2-Bilanz, ESG-Berichterstattung nach EU-Richtlinie und vieles mehr. Die einzelnen Daten der Häuser werden bei mir zusammenlaufen, damit ich einen dreidimensionalen Nachhaltigkeitsbericht verfassen kann.
Der Betrieb Landesmuseen ist eine komplexe Struktur. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie? Wir sprechen von zehn Museen mit neunzehn Standorten und dem Zentrum für Regionalgeschichte, über das ganze Land verteilt, in historischen und zum Teil denkmalgeschützten Gebäuden – von den unterirdischen Stollen, Bunkern und Tunneln ganz zu schweigen. Die Häuser beherbergen sensible Objekte in Sammlungen, deren Umfang unsere Depots sprengt. Wir werden wohl auch auf Widerstand aus der Öffentlichkeit und der Regierung treffen. Wir kämpfen mit einem für den Kultursektor typisch kargen Budget und einer für die öffentliche Verwaltung typischen Bürokratie. Das alles macht den Prozess zu einer großen Herausforderung.
Eine Challenge, die Sie annehmen? Natürlich! Der Philosoph Antonio Gramsci hat mal geschrieben: „Was wir brauchen, ist Nüchternheit: einen Pessimismus des Verstandes, einen Optimismus des Willens.“ Und mit dieser Einstellung wollen wir auch das Thema Nachhaltigkeit angehen: Wir sind uns der Lage bewusst und blicken der Mammutaufgabe nüchtern entgegen. Und dann schaffen wir mit Optimismus und unserer Genialität als Menschen und Museumsmitwirkende gezielt Lösungen, die unsere Museumslandschaft erlebenswert und zukunftsfähig machen.
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