Genossenschaftliches Zusammenspiel
Um auf die Bedeutung von Genossenschaften für die nachhaltige Entwicklung weltweit aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen 2025 zum Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Dazu sprechen wir mit Richard Lang, Direktor des Kompetenzzentrums für das Management von Genossenschaften an der unibz.
Wie zukunftsfähig sind Genossenschaften in Zeiten von Digitalisierung und globaler Konkurrenz?
Wir kennen das Modell seit mehr als 100 Jahren, doch es ist sehr relevant und zukunftsfähig, wenn es sich weiterentwickelt, was auch von den Akteurinnen und Akteuren abhängt. Gerade in Zeiten von Krisen – wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen – kommt man immer wieder auf Genossenschaften zurück.
Weshalb?
Dann wird nach Organisations- oder Unternehmensmodellen gesucht, die für Stabilität sorgen. Genossenschaften sind ein Zusammenspiel verschiedener Akteure und demokratisch – die Betroffenen können die Lösung mit beeinflussen. Das wiederum ist auch der Grund, weshalb Genossenschaften zukunftsorientiert sind.
Können Sie ein Beispiel für eine erfolgreiches Genossenschaftsmodell in der Krise nennen?
Bei der Lösung der Wohnungsproblematik in vielen Ländern nach Kriegen oder auch in der industriellen Revolution haben Genossenschaften einen zum Teil wesentlichen Beitrag geleistet.
Sehen Sie in Südtirol Genossenschaftsmodelle, die besonderes Potenzial haben?
Die Bürgergenossenschaft: In vielen Gemeinden ist durch den demografischen Wandel oder auch Abwanderung die Infrastruktur in Gefahr. Lokale Leistungen oder zentrale soziale oder ökonomische Infrastruktur, für die sich keine privaten Investoren finden – zum Beispiel Nahversorgung oder Sozialleistungen –, können durch Genossenschaftsmodelle gesichert werden. Einige solcher Bürgergenossenschaften gibt es in Südtirol bereits; doch es gibt weiteres Potenzial.
Bürgergenossenschaften sind aber kein Südtiroler Spezifikum?
Nein. Allerdings gibt es hierzulande das historisch starke Genossenschaftswesen und kulturelle Elemente, die dafür sorgen, dass das Modell gut funktioniert.
Gibt es in Südtirols Genossenschaftswelt auch Einzigartiges?
Als besonders sehe ich das Genossenschaftswesen auf mehreren Ebenen und ein Zusammenspiel dieser Ebenen, das gut funktioniert. Es gibt in kaum einer europäischen Region ein eigenes Amt für Genossenschaftswesen so wie in Südtirol. Und das Zusammenspiel des Amtes mit den Verbänden und den Einzelbetrieben ist sehr Südtirol-spezifisch.
Ein weiteres Beispiel?
Das Südtiroler Genossenschaftswesen hat Innovationen, Produkte und Leistungen hervorgebracht, die international reüssieren. Beispielsweise landwirtschaftliche Produkte, wo die Betriebe nicht immer mit dem Label Genossenschaft auf den Markt gehen, etwa die Weine der Kellereigenossenschaften. Das sind Qualitätsweine, die international marktfähig und anerkannt sind. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass so etwas aus dem Genossenschaftswesen herauskommt.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für das Genossenschaftswesen?
Den Nachwuchs für die Zukunft zu sichern. Einerseits braucht es neue Mitglieder, weshalb es darum geht, junge Menschen für das Genossenschaftswesen zu begeistern und Werte wie Partizipation und Eigenverantwortung zu leben.
Und andererseits?
Braucht es die Ausbildung derjenigen, die im Genossenschaftswesen tätig sind. An der unibz liegt darauf seit der Eröffnung des Kompetenzzentrums ein Fokus.
Was macht das Kompetenzzentrum sonst noch?
Es hat eine Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Praxis: Wir betreiben praxisrelevante Forschung und versuchen dabei, das Genossenschaftswesen im Land mitzunehmen. Wir organisieren auch sogenannte Disseminationsveranstaltungen, wo wir Praktiker und Praktikerinnen und Forscher und Forscherinnen für Vorträge und Diskussionsrunden zu genossenschaftsrelevanten Themen einladen. Außerdem versuchen wir in den Trainingsbereich reinzugehen.
Was sind die Anliegen, mit denen die Genossenschaftsverbände, die Genossenschaften selbstoder auch das Landesamt an das Kompetenzzentrum herantreten?
Grundsätzlich möchte ich vorausschicken, dass es einen Dialog zwischen dem Kompetenzzentrum, den Verbänden und dem Amt für Genossenschaftswesen gibt – und keine Einwegkommunikation. In diesem Dialog kristallisieren sich Themen heraus wie die Zusammenarbeit bei öffentlichen Ausschreibungen, die sogenannte Co-Progettazione und Co-Programmazione, wo wir eine Tagung organisiert haben, oder das Thema Nachfolge in und durch Genossenschaften, das wir durch Forschungsprojekte aufarbeiten. Aufgegriffen haben wir auch das Thema des leistbaren Wohnens.
Inwiefern?
Wir haben dazu eine große Veranstaltung organisiert, mit anderen Forschungseinrichtungen zusammengearbeitet und eine Studie gemacht. Wir haben gesehen, dass es international und ebenso in anderen Regionen Italiens innovative Beispiele gibt, etwa in Mailand, wo in der Stadtentwicklung auch auf Genossenschaften zurückgegriffen wird. Die Studienergebnisse können Impulse für die Landespolitik sein.
Was braucht eine Genossenschaft, damit sie gut funktioniert?
Wir wissen aus der Geschichte, dass Genossenschaften immer am stärksten sind, wenn die Selbsthilfe zusammenspielt mit einem Umfeld, das unterstützend ist.
Rund 900 Genossenschaften in Südtirol
Genossenschaften sind freiwillige Zusammenschlüsse von Personen oder Unternehmen, die darauf abzielen, gemeinsame Bedürfnisse – wirtschaftliche, soziale oder kulturelle – zu befriedigen. Die Genossenschaftsidee fußt auf dem Prinzip der „Hilfe durch Selbsthilfe“. Im Register der genossenschaftlichen Körperschaften der Provinz Bozen sind fast 900 Genossenschaften eingetragen, die in unterschiedlichsten Bereichen tätig sind und etwa 12.000 Menschen beschäftigen. „Genossenschaften sind ein wichtiger Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit und die Lebensqualität in Südtirol“, unterstreicht die zuständige Landesrätin Rosmarie Pamer. Die Wichtigkeit des Genossenschaftsmodells für Südtirol zeigt auch, dass Anfang 2023 das Kompetenzzentrum für das Management von Genossenschaften an der Freien Universität Bozen gegründet wurde. Dieses betrachtet und erforscht Genossenschaften aus einer sozialwissenschaftlichen, rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Perspektive. Unter anderem stehen dabei neue Genossenschaftsmodelle im Fokus. Schwerpunkte sind zudem das Schaffen von nationalen und internationalen Netzwerken im Forschungsbereich sowie die Ausbildung des Nachwuchses. Das Kompetenzzentrum für das Management von Genossenschaften wird vom Land Südtirol über eine Vereinbarung finanziert, und zwar mit Geldern des Amtes für Genossenschaftswesen.
st
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