"Trauen wir uns was"
Philipp Achammer ist Südtirols jüngstes Regierungsmitglied und doch eines der dienstältesten. Er spricht über den Wandel der Politik, Demokratiebildung und Chancengerechtigkeit.
Herr Landesrat, Sie sind schon seit Ihrer Jugend politisch aktiv. Wie kam es dazu? Welche Rolle spielte Ihre Familie dabei?
Meine ersten politischen Erfahrungen habe ich im Gemeinderat von Vintl und in der Jungen Generation der SVP gesammelt. Später war ich hauptberuflich als Landessekretär der SVP tätig. Politik heißt für mich, gestalten zu können, sich einzubringen, etwas zu bewegen. Dazu gehört auch, im Gespräch zu bleiben und gemeinsam Lösungen zu finden. Meine Familie hat mich dabei immer unterstützt, wenngleich Politik natürlich viel Zeit beansprucht. Ich habe deshalb gelernt, mir ganz bewusst Zeiten zu nehmen, in denen sie nicht an erster Stelle steht.
Sie sind altersmäßig der jüngste Landesrat dieser Regierung, politisch aber der Dienstälteste, gemeinsam mit dem Landeshauptmann. Hat sich Politik in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Ja, ich denke schon, dass sich Politik und vor allem der politische Diskurs deutlich verändert haben. Wir erleben, dass einfache, populistische Parolen die Menschen oft schneller erreichen als ernsthafte politische Inhalte. Das muss uns zu denken geben. Es geht nicht darum, jede zugespitzte Aussage zu verurteilen. Aber wir müssen verstehen, warum verkürzte Antworten so attraktiv geworden sind. Gerade deshalb gilt es, besonders, aber nicht nur jungen Menschen Politik, Demokratie und demokratische Grundwerte wieder näherzubringen. Es darf uns nicht gleichgültig sein, was morgen und übermorgen geschieht, denn es geht um uns alle.
Als Bildungslandesrat gestalten Sie seit über zwölf Jahren die Bildungspolitik Südtirols. Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit in Erinnerung?
Ich war, so glaub' ich doch, ein angenehmer Schüler. In jedem Fall habe ich meine Schulzeit gut in Erinnerung. Besonders prägend war meine Zeit am Sprachengymnasium in Brixen, weil ich damals begonnen habe, mich politisch zu engagieren. Meine Lehrpersonen haben das unterstützt und gefördert.
Mit dem Bildungsdialog wurde ein umfassender Prozess gestartet. Wieso braucht es diesen Bildungsdialog?
Schule ist das erste Spiegelbild der Gesellschaft. Gesellschaftliche Veränderungen werden dort früher und unmittelbarer sichtbar als in anderen Bereichen. Deshalb müssen sich Schule und Bildung immer wieder verändern und weiterentwickeln. Mit dem Bildungsdialog wollen wir genau dies erreichen: aufeinander zugehen, ehrlich miteinander reden und gemeinsam überlegen, welche Schritte notwendig sind, um Schule gut für die Gegenwart und die Zukunft aufzustellen. Ich denke, dass wir große Fortschritte gemacht haben und nun intensiv weiterarbeiten müssen. Denn eines dürfen wir nie vergessen: Im Mittelpunkt steht immer das Kind mit seinen Bedürfnissen. Wir müssen alles dafür tun, dass jedes Kind in unserem Land möglichst dieselben Chancen hat. Die Bildungsgerechtigkeit ist mir seit jeher ein wichtiges Anliegen, das wir bei keiner Entscheidung außer Acht lassen dürfen.
Neben Bildung sind Sie auch für die Bereiche deutsche Kultur, Innovation und Forschung, Museen sowie Denkmalschutz zuständig. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Wir leben in bewegten Zeiten, und diese Veränderungen sind in allen mei-nen Zuständigkeitsbereichen spürbar. Trennendes und Zuspitzungen werden immer lauter. Doch das kann nicht unser Weg sein. Herausforderungen gibt es in jedem Bereich: Für kulturelle Dienstleistungen braucht es faire und angemessene Bezahlungen. Zugleich
müssen wir uns dem Zugriff auf Kultur und Wissenschaft widersetzen. Es braucht offene Begegnungen und die Möglichkeit, sich frei entwickeln zu können. Dies gilt auch für Innovation und Forschung, wo in den kommen-den Jahren vor allem rund um den NOI Techpark wichtige Entwicklungen anstehen. Bei den Museen und im Denkmalschutz müssen wir ebenfalls weitergehen, ohne den Blick auf das Gestern zu verlieren. Wir müssen aus der Geschichte und der Gegenwart et-was mitnehmen, das uns Orientierung für die Zukunft geben kann. Ich bin überzeugt, dass wir weiter in diese Bereiche investieren müssen. Sie bringen die Gesellschaft zusammen, schaffen gemeinsame Referenzpunkte und stärken das Zusammenleben. Gerade in Zeiten wie diesen ist das von entscheidender Bedeutung.
Demokratiebildung ist Ihnen ein wichtiges Anliegen. Warum braucht es dies gerade jetzt?
Weil Demokratie niemals selbstverständlich ist. Wir müssen bewusst und mit aller Kraft gegen Geschichtsvergessenheit und gesellschaftliche Rückwärtsentwicklung arbeiten. Wir erleben eine Zeit, in der auf komplizierte Fragen immer häufiger vermeintlich einfache Antworten gegeben werden. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen, Einfluss auf Bildung, Wissenschaft und Kultur zu nehmen. Das darf uns nicht gleichgültig sein. Wir müssen für die Demokratie arbeiten und dafür, dass sich niemand vergessen fühlt. Es ist unser Auftrag, aus der Geschichte zu lernen und die grundlegenden Freiheiten der Verfassung zu schützen. Trauen wir uns etwas und geben uns nicht einer vermeintlich einfachen Rückwärtsentwicklung hin!
Philipp Achammer, 1985 in Brixen geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit seiner Jugend ist Achammer politisch aktiv: zunächst im Gemeinderat von Vintl, danach unter anderem als Landesjugendreferent, Landessekretär und Obmann der Südtiroler Volkspartei. Im Herbst 2013 wurde Achammer in den Südtiroler Landtag gewählt, er war damals der zweitjüngste Abgeordnete. Seit Jänner 2014 ist er Mitglied der Südtiroler Landesregierung. In der aktuellen Legislaturperiode ist Achammer zuständig für die Be-reiche deutsche Bildung und Kultur, für Bildungsförderung, Kulturgüter, Innovation, Forschung, Universität und Museen.
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