Die Datensammler
Sie sehen Trends bereits, wenn sie im Anrollen sind. Sie schlagen Alarm, wenn Werte nach oben oder unten ausschlagen. Und sie prüfen, ob gesetzte Maßnahmen erfolgreich waren: Die Rede ist von den Datenexperten der Arbeitsmarktbeobachtung des Landes.
Rund eine halbe Million Meldungen zu Arbeitsverträgen trudeln im Schnitt jährlich in der Abteilung Arbeitsmarktservice im Landhaus 12 in Bozen ein. Unvorstellbar, wenn diese Datenmenge heute noch händisch eingegeben werden müsste. Von der Digitalisierung hat die Arbeitsmarktbeobachtung (AMB) – wie viele andere Ämter – stark profitiert. „Die Zeitreihe unserer Daten reicht über 25 Jahre zurück. Seit 2009 registrieren wir den Abschluss neuer Arbeitsverträge, Veränderungen daran und das Auflösen von Arbeitsverhältnissen ausschließlich auf elektronischem Wege“, berichtet Walter Niedermair. Gemeinsam mit Antonio Gulino, Friedl Brancalion, Thomas Benelli und Werner Pramstrahler hat er die Entwicklungen auf dem Südtiroler Arbeitsmarkt genau im Blick – Tag für Tag und Monat für Monat.
Neben dem Monitoring der Beschäftigung sind auch die Arbeitslosenzahlen und die offenen Stellen wichtige Indikatoren zur Beurteilung des Arbeitsmarkts. „Neben diesen Quellen stützen wir unsere Analysen auch auf Daten des Schulinformationssystems. Zum Beispiel dann, wenn wir untersuchen, welchen beruflichen Weg Maturantinnen und Maturanten oder Absolventinnen und Absolventen von Berufsschulen einschlagen“, schildert Niedermair. Nur wenn diese Informationen vorliegen, können daraus auch wichtige Schlüsse gezogen werden: So zeigt sich etwa, dass Menschen mit Mittelschulabschluss zwar nur rund sechs Prozent der Erwerbstätigen aus-machen, unter den Arbeitslosen jedoch rund 40 Prozent diesen Bildungsgrad vorweisen.
Aktive Arbeitsmarktpolitik. Ergebnisse wie diese können Anlass dafür sein, dass Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik eingesetzt werden, etwa Ausbildungsprogramme für arbeitslose Personen oder die Intensivierung der Arbeitsvermittlung. Insofern ist die Arbeitsmarktbeobachtung auch jene Stelle, die problematische Entwicklungen frühzeitig erkennen und Wegweiser für die Politik sein kann.
„Generell sollten sich arbeitsmarktpolitische Entscheidungen stark auf Daten stützen“, finden die Mitarbeiter. Durch das Verknüpfen existierender Verwaltungsdatenbanken komme man zu interessanten Ergebnissen. Diese Art der Analyse könne außerordentlich spannend sein, berichten die Experten. So werden zum Beispiel Einkommensentwicklung und Berufe in Relation gesetzt oder aber die Pendlerbewegungen auf dem Arbeitsmarkt.
Spannende Datenanalyse. Brandaktuelle Themen wie die Beweggründe für die Abwanderung aus Südtirol stehen ebenso im Fokus. Dazu läuft gerade eine Befragung, die nicht nur numerische, sondern auch qualitative Daten liefern soll, um den Gründen für die Abwanderungstendenz auf den Grund zu gehen. „Wir haben all jene Südtiroler und Südtirolerinnen, die sich entschlossen haben, unser Land zu verlassen, nach den Gründen dafür befragt“, erklärt Walter Niedermair. Denn die Abwanderung – vor allem von Arbeitskräften – wird für das Land Südtirol immer mehr zum Problem. Die Arbeitsmarktexperten erwarten sich interessante Erkenntnisse, die die Basis dafür bilden, dass die Politik gegensteuern kann.
„Alles, was messbar ist, können wir rasch erkennen, zum Beispiel die Veränderungen am Arbeitsmarkt, die das Einkaufszentrum WaltherPark in Bozen mit sich gebracht hat“, verweist Niedermair auf eine der jüngsten Analysen. Die Beschäftigung im Bozner Einzelhandel sei dadurch merkbar gestiegen und zahlreiche Arbeitslose haben in den Geschäften eine Arbeit gefunden.
Zahlreiche Publikationen. Themen wie diese verarbeitet die Arbeitsmarktbeobachtung dann in ihren Publikationen: nämlich dem halbjährlichen Arbeitsmarktbericht, den monatlichen „Arbeitsmarkt news“ und der Publikation „Arbeitsmarkt in Kürze“, die am 4. jedes Monats einen Überblick über die aktuelle Arbeitsmarktsituation gibt. Verfügbar ist auch ein tagesaktuelles Beschäftigungsmonitoring.
Besonders wichtig ist den Experten, dass die Arbeitslosenzahlen korrekt eingeordnet werden. Je nach Datenquelle ergeben sich unterschiedliche Werte. „Unsere Kennzahl, die sogenannte Registerarbeitslosigkeit, umfasst alle Personen, die bei den Südtiroler Arbeitsvermittlungszentren offiziell als arbeitslos gemeldet sind“, erläutert das Team. Die Arbeitslosenquote des ASTAT hingegen basiert auf Umfragen und liefert international vergleichbare Daten – ein wichtiger Referenzwert. Während diese Quote derzeit bei knapp 2 Prozent liegt, beträgt die Registerarbeitslosigkeit über 6 Prozent. Ein Wert, der Aufmerksamkeit erfordert und Handlungsbedarf signalisiert.
Durch einen erprobten Austausch mit dem Südtiroler Gemeindenverband sind die Daten der Arbeitsmarktbeobachtung auch georeferenziert: Sprich, es ist eindeutig zuordenbar, wo die Beschäftigten wohnen und arbeiten.
„Das ist auch für den Zivilschutz wichtig, denn im Katastrophenfall weiß dieser sofort, wo sich wie viele Personen aufhalten“, ergänzt Niedermair. Nicht zuletzt können dadurch auch detaillierte Auswertungen über die Grenzpendler gemacht werden, wie es bereits im Obervinschgau erfolgt ist.
Maßnahmen-Monitoring. Die AMB konzipiert Instrumente, mit denen die Wirksamkeit arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen erhoben wird. Damit lässt sich etwa sehr genau bewerten, ob Schulungen oder Vermittlungsinitiativen bei den Arbeitslosen auch wirklich wirksam waren.
Die derzeitige Wetterlage auf dem Südtiroler Arbeitsmarkt beschreiben die Experten als sonnig bis leicht bewölkt: Die Beschäftigung wächst, aber nicht in allen Sektoren; die Arbeitslosenquote steigt, vor allem bei den nicht in Südtirol ansässigen; mehr als drei von vier Neuangestellten kommen aus dem Ausland. Der Arbeitnehmende findet Bedingungen vor, die so günstig sind, wie schon lange nicht mehr, denn der Arbeitskräftemangel ist querbeet spürbar. All dies sind Erkenntnisse, die nur durch eine effiziente und aufmerksame Arbeitsmarktbeobachtung möglich werden und die Arbeitnehmenden, Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen sowie der Politik gleichermaßen nützlich sind.
pir
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