Alles im Fluss
Rund 90 Prozent der Stromproduktion in Südtirol stammen aus Wasserkraft. Ihr Beitrag zum Klimaschutz ist hierzulande hoch – und soll mit der Ausschreibung einiger Großkraftwerke noch gesteigert werden.
Das E-Auto lädt, die Wärmepumpe läuft – der Strombedarf in Südtirols Haushalten steigt. Laut Experten ist davon auszugehen, dass das in Zukunft auch so bleiben wird. Mit der Wasserkraft als wichtiger erneuerbarer Energiequelle ist das alpine Land Südtirol gut dafür gerüstet. Bereits seit dem 19. Jahrhundert spielt die Wasserkraft eine zentrale Rolle in Südtirol. Das erste große Wasserkraftwerk ging 1898 an der Grenze zwischen dem Vinschgau und dem Burggrafenamt, an der Töll, in Betrieb und nutzt bis heute das natürliche Gefälle der Etsch. Mithilfe von Turbinen und Generatoren wird die Bewegungsenergie des Wassers in Strom umgewandelt – ganz ohne fossile Brennstoffe. Solange Wasser fließt, kann umweltfreundliche Energie erzeugt werden.
5,5 Milliarden Kilowattstunden: So viel wird in Südtirol jährlich Strom aus Wasserkraft produziert. „90 Prozent der Stromproduktion aus Südtirol stammen aus der Wasserkraft. Im Sommer sind wir damit in der Stromversorgung autark“, berichtet Luca Corona vom Landesamt für nachhaltige Gewässernutzung in der Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz in Bozen. Dass Wasserkraftwerke dabei eine doppelte Aufgabe erfüllen können, ist das Besondere an dieser Form der Energieerzeugung: Laufwasserkraftwerke an Flüssen produzieren kontinuierlich Strom und liefern eine gleichmäßige Grundlast. Speicherkraftwerke mit Stauseen hingegen sind in der Lage, sich flexibel an den Strombedarf anzupassen und Spitzenstrom zu produzieren. Die bestehende Speicherkapazität in Südtirol nimmt eine wichtige Rolle in der Abdeckung der Spitzenverbräuche ein. „Die Wasserkraft schafft damit – im Gegensatz etwa zur Photovoltaik und zur Windkraft – den Netzausgleich und gleichzeitig ist sie ein bedeutendes Mittel zum Abbau von Kohlendioxid“, unterstreicht Corona.
1000 Wasserkraftwerke verschiedenster Größenordnung gibt es derzeit in Südtirol. Die meisten davon – rund 800 – sind kleine Wasserkraftwerke (mit einer mittleren jährlichen Nennleistung bis 220 Kilowatt), die lokal Strom produzieren. Auf sie entfallen nur drei Prozent der Gesamtenergieproduktion aus Wasserkraft. Mittlere Wasserkraftwerke (mit einer mittleren jährlichen Nennleistung von 220 Kilowatt bis 3 Megawatt) werden in Südtirol hingegen 165 gezählt. Sie erzeugen 16 Prozent der Gesamtenergieproduktion aus Wasserkraft. Für den Löwenanteil der Energieproduktion aus Wasserkraft im Land – nämlich 81 Prozent – sind schließlich die rund 30 großen Wasserkraftwerke (mit einer mittleren jährlichen Nennleistung über drei Megawatt) verantwortlich.
Ausschreibung der Großkraftwerke. Unter ihnen sind sieben Großkraftwerke, deren Konzessionen Ende August 2025 verfallen sind. „Diese Konzessionen können nicht mehr ver-längert, sondern müssen laut EU-Vorgaben neu ausgeschrieben werden“, unterstreicht Energielandesrat Peter Brunner. Betroffen sind die Kraftwerke Prembach, Bruneck, Waidbruck-Barbian, Naturns, Wiesen-Pfitsch, Marling und Graun. Während viele EU-Länder mit der Ausschreibung von Großkraftwerken zögern, habe Italien als eines der sehr wenigen Länder mit den Vorbereitungen dafür begonnen, allen voran Südtirol und die Lombardei.
„Wir sind europaweit Vorreiter, wenn es um die Ausschreibung der Wasserkonzessionen für die großen Wasserkraftwerke geht“, betont Landesrat Peter Brunner. Damit betrete man Neuland: „Es liegen, sowohl im Land als auch außerhalb, sehr geringe Erfahrungswerte vor. Wir planen daher, die sieben Großkraftwerke hintereinander auszuschreiben und mit dem Kraftwerk Graun zu beginnen.“ Die gesetzliche Grundlage für die Ausschreibung bildet das Landesgesetz 20/2023. Bereits Ende 2023 hatte sich die Landesregierung auf das Verfahren einer öffentlichen Ausschreibung geeinigt, um die sieben Konzessionen neu zu vergeben, und die vorbereitenden Tätigkeiten zum Verfahren eingeleitet.
Öffentlichen Mehrwert garantieren. Im Landesamt für nachhaltige Gewässernutzung arbeitet man mit Hochdruck daran, die europäischen Vorgaben umzusetzen und die komplexen Unterlagen zu den Kraftwerken vorzubereiten. „Es geht darum, einen fairen Wettbewerb zu schaffen und Informationsgleichheit für alle potenziellen Bewerber herzustellen“, unterstreicht Luca Corona.
Zur Ausarbeitung der Ausschreibungskriterien setzt die Landesregierung zudem einen Sachverständigenbeirat ein. „Es handelt sich dabei um einen sehr wichtigen Schritt, denn in den Ausschreibungskriterien können die Interessen des Landes, der Umwelt und des Territoriums festgelegt wer-den“, erklärt Landesrat Brunner. „Ziel ist es, dass ein möglichst großer öffentlicher Mehrwert garantiert wird: Dies kann durch technologische Innovationen zur Maximierung der Produktion, Leistungen zur Minimierung der Umweltbelastung oder Angebote für Umwelt ausgleichsmaßnahmen erreicht werden.“ Damit könne es – unabhängig vom Betreiber, der die Konzession erhält – gelingen, Vorteile für die Umwelt und die Bevölkerung im Land zu halten.
Im Landesamt für nachhaltige Gewässernutzung sieht man das vor allem als große Chance. Die betroffenen Großkraftwerke seien seit Jahrzehnten in Betrieb, das Potenzial für Effizienzsteigerungen ist daher entsprechend groß. „Über den regulären Betrieb und die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen hinaus wird es über die Neuausschreibung möglich sein, die Anlagen nachhaltig zu modernisieren und an den steigenden Netzbedarf anzupassen“, erklärt Klaus Holzner vom Landesamt für nachhaltige Gewässernutzung. Ein höherer Benefit für das Land ist auch durch die Tatsache zu erwarten, dass die Umweltgelder ein ökonomisches Ausschreibungskriterium werden. Diese fließen an die Ufergemeinden und müssen dort in Umweltausgleichsmaßnahmen investiert werden. „Die großen Gewinner werden am Ende die Gemeinden und damit vor allem die Bürgerinnen und Bürger sein, denen die Umweltmaßnahmen und die sonstigen Zusatzeinnahmen direkt und indirekt zugute kommen“, ist Holzner überzeugt.
mpi
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