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Heimat als Bühne

22.04.2026

Mit der Publikation „Wilde Jahre“ schließt das Touriseum ein Forschungsprojekt ab, das in die Diskussion zu (Über-)Tourismus eingreift.

In den 1970er Jahren wurde Südtirol touristisch als idyllische Heimat für die Gäste inszeniert – mit traditionellen Motiven wie Bergen, Obstgärten, Bauernhäusern und Trachten. Im Bild „Eingeborene“ in Tracht, Prospekte und Plakate vermitteln ein traditionsbetontes Südtirolbild. (Foto: Touriseum)
In den 1970er Jahren wurde Südtirol touristisch als idyllische Heimat für die Gäste inszeniert – mit traditionellen Motiven wie Bergen, Obstgärten, Bauernhäusern und Trachten. Im Bild „Eingeborene“ in Tracht, Prospekte und Plakate vermitteln ein traditionsbetontes Südtirolbild. (Foto: Touriseum)

Im Interview beleuchten die Buchautoren Patrick Rina und Paul Rösch die Rolle von Museen im Umgang mit gesellschaftlichen Themen und die Auswirkungen des Massentourismus in Südtirol – insbesondere auf Identität, Landschaft und das Bild von Heimat.

Wie viel darf oder soll sich ein Museum mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen?

Paul Rösch: Museen haben die Funktion eines „Denk-Mals“ und sind daher gefordert, in Bewegung zu bleiben, zeitlich relevante Thematiken in die Gegenwart zu bringen, gesellschaftspolitische Herausforderungen im Spiegel der Vergangenheit aufzuarbeiten und diese zur Diskussion zu stellen. So hat der Tourismus beispielsweise etwas von einem Seismographen, der höchst sensibel auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Einflüsse reagiert. Das Landesmuseum für Tourismus – Touriseum hat daher die Aufgabe, der Entstehungsgeschichte des Fremdenverkehrs nachzuspüren und die Resultate der Öffentlichkeit darzustellen – in Form von Ausstellungen, Tagungen, Vorträgen, Publikationen und anhand der Sammlung von Objekten.
„Museen müssen Orte der permanenten Konferenz sein“, so hat der Künstler Joseph Beuys die Aufgabe von Museen charakterisiert. Museen und Ehen haben etwas gemeinsam: So gilt in der Ehe, sich ständig zu hinter-fragen, sich neu zu definieren, an der Beziehung zu arbeiten, immer wieder Neues einfließen zu lassen und immer wieder zu lernen, die Liebe aufrecht zu erhalten. Bei Museen ist es nicht viel anders: MuseumsbetreiberInnen müssen die Menschen und die Gesellschaft lieben, keine „ObjektfetischistInnen“ sein und somit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

Vom Bauern zum Hotelier – ein kurzer Überblick zur Entwicklung des Tourismus der vergangenen 50 Jahre (Beginn Massentourismus)?

Patrick Rina: Das deutsche und österreichische „Wirtschaftswunder“ der 1950er-Jahre und das „miracolo economico“ im Italien der 1960er-Jahre führten in Südtirol – jener Scharnierregion zwischen dem deutschen und italienischen Kultur- und Wirtschaftsraum – zu einem „Boom“. Im Jahr 1960 zählte Südtirol 3,7 Millionen Nächtigungen, 1980 waren es schon 20 Millionen. Der größte Zuwachs wurde in den 1970ern verzeichnet. 2025 registrierte Südtirol 38 Millionen Nächtigungen.
Die ersten Gäste, die Südtirol nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besuchten, kamen aus Italiens Oberschicht: Sie urlaubten vornehmlich in den Hotels der etablierten Tourismusgegenden – also in Meran und in Gröden. Auch die Westdeutschen packte das „wirtschaftswunderliche“ Reisefieber: Nach den Schrecken des Krieges sehnten sie sich nach Natur und Idylle, nach einer „heilen Welt“ und auch nach Familienanschluss. Die vielen Heimatfilme der 1950er- und 1960er-Jahre verstärkten diese Sehnsüchte. Wie Pilze schossen in Südtirols Tälern Frühstückspensionen aus dem Boden: Aus Bauern wurden Gastgeber. Das Angebot war billig und zudem war die D-Mark im Gegensatz zur Lira stark. Mit den neu gekauften Pkws erreichten die Bundesdeutschen Orte, wo bis dahin kaum „Fremme“ gesichtet worden waren.

Wie veränderte der Massentourismus das Alltagsleben der einheimischen Bevölkerung, die Landschaft und den Lebensraum in Südtirol?

Paul Rösch: Mit dem „Hereinbrechen“ des modernen Tourismus ab 1960 fanden in kürzester Zeit ein großer Modernisierungsschub und eine Globalisierung statt: Althergebrachte Lebensweisen, Traditionen und Wertvorstellungen begannen in der Auseinandersetzung und im Vergleich mit einer anderen, zum Teil „neuen“ Welt zu wanken. Dazu kamen die plötzlich neuen finanziellen Möglichkeiten: Alte Häuser wurden renoviert, neue gebaut, die Zimmer bekamen Bäder. Wo vorher der Misthaufen stand, schimmerte nun das Blau eines Schwimmbades. In vielen Landgemeinden wich die bäuerliche Siedlungsweise zusehends einem touristischen Ortsbild. In nur zwei Jahrzehnten – also von 1960 bis 1980 – entstanden über 400 Skianlagen. Die Errichtung von Skiliften und -pisten war von Nebenwirkungen begleitet: So wurden mit zunehmender Eingriffsintensität die gerodeten, planierten und aufgeschütteten Geländebereiche immer erosionsanfälliger und die Kritik an der Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts der alpinen Natur wurde laut.

Wie echt ist eine Heimat, die als Marke funktioniert?

Patrick Rina: Die Marke und das verkaufte Image einer touristischen Region passen sich den Interessen der potenziellen Gäste an. Die Verantwortlichen im lokalen Tourismus versuchten in den „wilden Jahren“, ein Südtirol-Gefühl zu vermitteln, das zu-meist dem „Heimat“-Verständnis der bundesdeutschen Gäste entsprach. Auf Postkarten und Broschüren fanden sich anfänglich angezuckerte Berggipfel, blühende Obstgärten, urige Bauernhäuser, wuchtige Kruzifixe, stolze Musikkapellen und „Eingeborene“ in Tracht. Ab den 1970ern manifestierte sich in der Tourismuswerbung ein neuer Zeitgeist: Schwimmbäder, Seilbahnen und Diskotheken traten in den touristischen Zeugenstand.
Südtirol wollte das rein agrar-romantische Selbstverständnis ablegen und präsentierte sich als Spielwiese der „Erlebnisgesellschaft“: Dirndl und Dolce Vita, fesche Skilehrer und kecke Badenixen versinnbildlichten einen neuen „Erlebnisraum“. Um diesen Raum wirksam zu vermarkten, schufen die Werbetrommler zwei Sprüche „Fließend Deutsch und Warmwasser“ – eine Anspielung auf die Zugehörigkeit zum deutschen Sprachraum und zugleich ein Hinweis auf moderne Hygienestandards – und „Sag Du zu Südtirol“, eine an Anbiederung grenzende Einladung zur Annäherung zwischen Gästen und Gastgebern.

Ist die Inszenierung von Heimat ein notwendiges Mittel im Wettbewerb um Aufmerksamkeit?

Paul Rösch: Nach dem Zweiten Weltkrieg griff die Tourismuswerbung auf das vertraute Tirolbild zurück: Glaube, Brauchtum und „heile Welt“. Die Realität war jedoch eine andere: Die Sorge um die politische Zukunft des Landes und die Suche nach Orientierung bestimmten das Leben. Die Rückbesinnung auf Tradition bot Halt und Hoffnung. Vereine wurden neu gegründet, alte Werte neu belebt. Tradition und Werbung setzten Hei-mat in Szene: Platzkonzerte, Trachtenumzüge und Brauchtumsabende wurden zum gelebten Klischee – nicht selten mit dem Ziel, den Gästeerwartungen zu entsprechen. Das Kunsthandwerk war Souvenir und Identitätsanker zugleich. So fanden sich in den Wohnzimmern von Touristen und Einheimischen oft dieselben Produkte.
Was als Darstellung begann, wurde allmählich Teil der Wirklichkeit: Die inszenierte Heimat wurde vielfach derart verinnerlicht, dass sie gar als Selbstbild wahrgenommen wurde. An dieses Selbstbild schloss das positive Echo der Touristen an: Die „Gäscht“ schwärmten von Land und Leuten – Balsam für das schwache Selbstbewusstsein der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler, gleichfalls Anlass für eine ordentliche Portion Selbstüberschätzung und für die Überzeugung, der Nabel der Welt zu sein.

kw

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