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Ideologie und Wissenschaft

17.04.2025

Das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ist für seine Funde rund um den Mann aus dem Eis bekannt. Doch aktuell erforscht ein ambitioniertes Projekt die Zeit zwischen 1920 und 1972 – eine Epoche, in der politische Systeme die Archäologie für ihre Zwecke instrumentalisierten.

Detaillierte Dokumentation: Der wissenschaftliche Zeichner Marco Pontalti erfasst im Rahmen des Forschungsprojekts archäologische Objekte aus der Zwischenkriegszeit, die erstmals nach modernen wissenschaftlichen Methoden erfasst werden. (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum)
Detaillierte Dokumentation: Der wissenschaftliche Zeichner Marco Pontalti erfasst im Rahmen des Forschungsprojekts archäologische Objekte aus der Zwischenkriegszeit, die erstmals nach modernen wissenschaftlichen Methoden erfasst werden. (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum)

Die Archäologen Andreas Putzer und Günther Kaufmann arbeiten mit Unterstützung externer Fachleute daran, Licht in die Zeit zwischen 1920 und 1972 zu bringen, einem ideologisch geprägten Abschnitt der Geschichte. Während Kaufmann die historische Einordnung vornimmt und wissenschaftliche Publikationen vorbereitet, analysiert Putzer archäologische Funde und konzipiert eine Ausstellung.

Spurensuche in Archiven und Museen. Unzählige Schriftstücke scrollen derzeit über die Bildschirme der beiden Archäologen: Konzentriert filtern sie archäologisch relevante Informationen heraus und analysieren Funde und die Dokumentation archäologischer Grabungen, die zwischen 1920 und 1972 ans Tageslicht kamen. Viele dieser Objekte lagern bis heute in Museen oder Depots. Das Problem daran: Viele von ihnen sind kaum untersucht und noch nicht veröffentlicht worden und fehlen deshalb in der Geschichte der Südtiroler Archäologie. Der Historiker Alessandro Livio arbeitet den beiden Archäologen zu: „Ich durchforste Archive von Mailand, Bozen über Wien bis nach Berlin nach historischen Unterlagen aus dieser Zeit.“ Besonders relevant sind die Akten der Kulturkommission innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Optanten. Diese Kommission stand unter NS-Führung und katalogisierte in den Jahren 1940 und 1941 systematisch Südtiroler Kulturgut – darunter Grabsteine, Bürgerbücher, Musik, Volkskunde und archäologische Funde. „Ausgerechnet für den Bereich Archäologie sind die Akten leider großteils verschollen“, bedauert Livio, „deshalb müssen die Informationen über Umwege rekonstruiert werden. Oft gelingt das über Briefe von Personen, die mit der Kulturkommission in Kontakt standen.“ 

Ideologische Einflussnahme. Die politische Instrumentalisierung der Archäologie zeigt sich besonders in den gegensätzlichen Ansätzen der faschistischen und nationalsozialistischen Forschenden. Während italienische Archäologen in der Zeit des Faschismus versuchten, römische Funde als Beleg für die italienische Herkunft der Region zu präsentieren, betrieben die Nationalsozialisten die gegenteilige Strategie: Sie versuchten, sämtliche archäologische Funde germanischem Ursprung zuzuschreiben, um die germanische Herkunft der Südtiroler Bevölkerung zu untermauern. „Die Wissenschaft hat darunter massiv gelitten“, erklärt Putzer. „Unzählige Funde wurden ideologisch interpretiert, anstatt sie archäologisch korrekt einzuordnen. Unsere Aufgabe ist es, die Objekte neu zu klassifizieren und den historischen Kontext zu rekonstruieren.“ 

Zwischen Wissenschaft und Ideologie. Günther Kaufmann benennt die Herausforderung seiner Arbeit: „Dadurch, dass wir oft nicht die offiziellen Dokumente haben, sondern die archäologische Arbeit indirekt aus zum Teil privaten Korrespondenzen herauslesen müssen, sehen wir die Haltung der beteiligten Forscherinnen und Forscher noch viel mehr als in ihren offiziellen Publikationen.“ Sein Fazit: „Sie waren tief in die politischen Zwänge ihrer Zeit verstrickt. Ihr wissenschaftliches Arbeiten war oft stark von diesen Vorgaben beeinflusst.“ Auffällig ist, dass diese ideologischen Prägungen auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange nachwirkten. „Es war ein Kulturkampf zwischen zwei Lagern, der selbst nach Kriegsende in den 1950er Jahren weiterging“, resümiert Kaufmann. 

Die Herausforderung der Dokumentation. Ein weiteres wichtiges Element des Projekts ist die detaillierte Dokumentation der Funde. Hier kommt Marco Pontalti, wissenschaftlicher Zeichner, ins Spiel. Er hat die Aufgabe, die Funde zeichnerisch zu erfassen – eine Tätigkeit, die trotz moderner Fototechnik unverzichtbar bleibt. „Sie folgt standardisierten Regeln: Das macht es leichter, Funde aus verschiedenen Grabungen oder Zeitepochen miteinander zu vergleichen“, erklärt Pontalti und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und letztendlich überdauern sie jegliche Fototechnik!“ Aufgrund der Vielzahl an neu entdeckten Objekten arbeitet Pontalti unter Hochdruck, weil jede Zeichnung sorgfältig ausgeführt werden muss, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. 

Eine Ausstellung als Meilenstein. Viele der neu gewonnenen Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt fließen in eine Sonderausstellung ein, die am 24. November 2025 im Südtiroler Archäologiemuseum eröffnet wird. Der Fokus der Schau liegt auf archäologischen Funden aus Südtirol aus der Zeit zwischen 1920 und 1972, die zum Teil noch nie zuvor öffentlich ausgestellt wurden. Zudem werden historische Grabungsdokumentationen an interaktiven Stationen zugänglich gemacht. Putzer betont die Bedeutung der Sonderausstellung: „Uns ist wichtig, das komplexe Thema für Besucherinnen und Besucher im Museum auf verständliche und spannende Weise zu vermitteln. Es ist Zeit, die Funde in ihrer Gesamtheit einer breiten Öffentlichkeit aus Sicht der heutigen Forschung zu präsentieren – und sie nicht weiter im Depot verstauben zu lassen.

kh

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