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Nahe Natur – naturnah

17.07.2024

Wer mit offenen Sinnen durch Südtirols Naturparks streift, dem ist ein besonderes Erlebnis sicher. Die Vielfalt ist beeindruckend – in jedem der sieben Parks auf seine Art.

Derzeit stehen 23 Prozent der Südtiroler Landesfläche unter Schutz. Sieben Naturparks mit ihren Besonderheiten warten darauf, entdeckt zu werden. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)
Derzeit stehen 23 Prozent der Südtiroler Landesfläche unter Schutz. Sieben Naturparks mit ihren Besonderheiten warten darauf, entdeckt zu werden. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)

Aus der Mauer am Straßenrand piepst es. Vorsichtig schiebt sich ein Schnäbelchen aus einem Spalt zwischen den Steinen, ein faustgroßes Vögelchen fliegt heraus und entfernt sich blitzschnell mit kleinen Flügelschlägen. Wenige Minuten später kommt es mit dem Schnabel voller Futter zurück. “Das sind Kohlmeisen, sie brüten in Trockenmauern“, erklärt Ivan Plasinger, Museumsvermittler im Naturparkhaus Trudner Horn. Männchen und Weibchen kümmern sich gemeinsam um die Brut. Die Trockenmauer ist eine Oase im Kulturgebiet, sie steht entlang einer Straße am Ortsrand von Truden. Nur einen Steinwurf entfernt kennzeichnet ein Schild den Eingang zum Naturpark Trudner Horn. Die Trockenmauer ist ein Beispiel für einen kleinen Naturpark außerhalb des Naturparks. „Das ist unsere Vision: Jede Bürgerin und jeder Bürger kann im eigenen Umfeld Oasen für Tiere und pflanzen schaffen, ein Umfeld, in dem Natur möglich ist. Gemeinsam sollten wir alles dafür tun, den Lebensraum für unsere Nachkommen zu erhalten”, sagt Leo Hilpold, Direktor des Landesamts für Natur. 

Streifzug durch Südtirols Naturparks. Südtirol hat sieben Naturparks, die seit den 1970er-Jahren per Dekret des Landeshauptmanns nach und nach ausgewiesen wurden. Der älteste ist der Naturpark Schlern-Rosengarten (1974), der jüngste der Naturpark Rieserferner-Ahrn (1988/1994), der größte ist die Texelgruppe (33.000 Hektar), der kleinste der Naturpark Trudner Horn (7000 Hektar). Ein achter Naturpark war lange in Diskussion, wurde aber nie realisiert: Die Sarntaler Alpen im Herzen des Landes sollten unter Schutz gestellt werden. 

Die Naturparks umfassen landschaftlich herausragende Gebiete, sie sind in etwa entlang der Landesgrenzen angesiedelt und bis auf den Naturpark Trudner Horn (hier beginnt das Schutzgebiet schon auf 220 Metern Seehöhe) auf die Bergregion über 1000 Meter Seehöhe beschränkt. Dauersiedlungen – also Weiler, Dörfer und Höfe – sind ausgegrenzt, innerhalb der Naturparks gibt es Schutzhütten und Almen, aber auch Kulturlandschaften. „Was besteht, darf auch weiter bewirtschaftet werden, für diese Tätigkeit notwendige Strukturen dürfen auch errichtet werden. Grundsätzlich ist in Naturparks aber jegliche Bautätigkeit verboten, Feuer entzünden ebenso. Man darf keine Tiere fangen oder töten, die Jagd ist im Sinne der Landesjagdordnung aber erlaubt. Notwendiger Verkehr ist nur mit Sondergenehmigung möglich, Zelten ist verboten”, erklärt Margareth Pallhuber, Koordinatorin für den Bereich Natur- und Umweltbildung im Landesamt für Natur. Verboten ist - und das wissen nur wenige - in einigen Gebieten auch das Radfahren. „Das gilt beispielsweise auf dem Drei-Zinnen-Plateau in Sexten und entlang des Munkelwegs in Villnöß“, sagt Pallhuber. Recht neu ist das Verbot von Drohnen – für Freizeitdrohnen gilt das ausnahmslos. 

23 Prozent der Landesfläche unter Schutz. „Eigentlich sind die Naturparks entstanden, um Großprojekte zu verhindern – wir hätten in den heutigen Parks Texelgruppe oder Rieserferner-Ahrn Stauanlagen, auf der Plätzwiese im Hochpustertal ein Skigebiet”, sagt Margareth Pallhuber. Schutzkriterien aufweichen oder rückgängig machen steht EU-weit nicht zur Debatte – der Weg führt vielmehr in die andere Richtung. „Es gilt die EU-Vorgabe, dass jeder Staat bis 2030 30 Prozent der Landesfläche unter Schutz stellen muss, 10 Prozent davon unter besonderen Schutz“, erklärt Amtsdirektor Leo Hilpold. Südtirol ist dabei gut unterwegs: „Derzeit stehen 23 Prozent der Landesfläche unter Schutz“, sagt er. Allerdings beginnt dieser Schutz in höheren Regionen. „Ziel wäre es, den Lebensraum auch talnah zu schützen”, so Hilpold. Die Sensibilität der Bevölkerung gegenüber dem Naturschutz sei deutlich gestiegen und auch die Akzeptanz von Schutzgebieten hoch. “Natürlich gibt es auch immer wieder Konflikte, vor allem, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht“, räumt Hilpold ein. Stünde man heute vor der Entscheidung, Schutzgebiete auszuweisen, müsste man sicherlich auch den Aspekt der Wertschöpfung integrieren. „Jetzt im Nachhinein ist das schwierig“, sagt er. Das sei aber eine Überlegung, die im Amt und auf Expertenebene gemacht wird, wenn über die sieben Prozent Fläche gesprochen wird, die innerhalb 2030 auszuweisen wären. „Wenn wir den alten Plan, in den Sarntaler Alpen einen Naturpark auszuweisen, wieder hervorholen würden, wäre die sinnvolle und nachhaltige Nutzung sicherlich Teil des Gesamtkonzepts. Ein Biosphärenreservat wäre hier gut denkbar“, sagt Hilpold. 

Umweltbildung großgeschrieben. Eine Entscheidung, die für die kommenden Generationen von großer Bedeutung ist. Naturnah Alltag leben ist die Devise. Sensibilisiert dafür werden Kinder und Jugendliche unter anderem in der Naturparkschule, die Ivan Plasinger im Naturpark Trudner Horn eingerichtet hat. „In Anlehnung an das Konzept der Bauernhöfe, die für Schüler geöffnet werden, bieten wir hier die Naturparkschule an“, erzählt er. Gerade strömt die 3A der Mittelschule Tramin ins Naturparkhaus Trudner Horn. „Die Naturparkhäuser sind sozusagen die Schaufenster der Parks. Hier wird anschaulich dargestellt, was im Park zu sehen ist. Der Leitspruch des Naturparks Trudner Horn ist ‚Eine sichtbare und eine verborgene Zeit‘“, berichtet Plasinger. Der kleinste Naturpark ist gleichzeitig auch der ruhigste – auch wenn hochtouristische Destinationen wie Cavalese und der Kalterer See unmittelbar daran grenzen. „Wir zählen etwa 5000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. In anderen Naturparkhäusern werden auch 25.000 Besucherinnen und Besucher gezählt“, sagt er. 

Für die Traminer Schülergruppe steht eine Wanderung im Naturpark mit Wanderführer Diego Deiana auf dem Programm. Er hat waldpädagogische Spiele mitgebracht, aber auch viel Wissenswertes zum Anfassen – Zähne, Hörner und Teile von Tieren. Unterwegs sprechen sie über die Entstehung der Erde, die Entstehung und den Untergang der Arten, wie das natürliche Ökosystem funktioniert. Und: Wie der Mensch es verändert, oft zerstört. In den Naturparks sensibilisieren dafür die Schutzgebietsbetreuer – fixe und saisonale. „Unsere Aufgabe ist es, die Besucherinnen und Besucher aufzuklären, zu sensibilisieren und informieren und gegebenenfalls zu verwarnen, aber auch, Wege und Steige in Zusammenarbeit mit dem Forstdienst instand zu halten und Schilder und Zäune zu erneuern“, erzählt Klaus Puntaier, der als hauptamtlicher Schutzgebietsbetreuer im Einsatz ist. „Es ist eine schöne Aufgabe – aber es gibt leider immer weniger Leute, die sie übernehmen möchten.“ 

Eine Initiative in diese Richtung ist die Ausbildung zum Junior Ranger: In Zusammenarbeit mit den alpinen Vereinen werden jedes Jahr im Sommer Kinder zu Schutzgebietsexperten gemacht. Das ist Sensibilisierung bei den Kleinsten für den wertvollen Lebensraum. „Es ist wichtig, dass wir mit dem Naturschutz dort anfangen, wo am meisten Menschen leben, nämlich in den Siedlungsgebieten. Auch wenn es niemand hören will: Wir müssen die Versiegelung eindämmen, besser noch, damit aufhören. Wir brauchen eine breite Masse, die so denkt, nur so können wir an eine Zukunft in Einklang mit der Natur denken“, sagt Leo Hilpold.

Sommer 2024 

Für den Sommer 2024 wird in den Naturparkhäusern so einiges geplant. Sonderausstellungen und vielfältige Angebote draußen in der Natur warten auf neugierige Besucherinnen und Besucher. 

Alle Infos zu den sieben Südtiroler Naturparks

Vielfalt der Schutzgebiete 

Es gibt verschiedene Kategorien von Schutzgebieten. Die Natura-2000-Gebiete sind die am strengsten geschützten Gebiete (in Südtirol die Naturparks, der Nationalpark und einige Biotope; sie unterliegen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und der Vogelschutzrichtlinie). In Nationalparks wie dem Nationalpark Stilfser Joch steht grundsätzlich der Naturschutz und die vom Menschen unbeeinflusste Entwicklung an oberster Stelle. Schließlich gibt es die sieben Naturparks. Außerdem gibt es noch kleine Schutzgebiete wie Biotope (244) oder 1150 Naturdenkmäler (beispielsweise die Urlärchen in Ulten). Anerkennung, aber keinen zusätzlichen Schutz für die weltweite Einzigartigkeit bietet die Unesco – als Weltnaturerbe gelten die vier Naturparks in den Dolomiten und die Bletterbachschlucht in Aldein.

uli

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