Neues Gesundheitsnetz
Die richtige Hilfe. Zur richtigen Zeit. Am richtigen Ort: Damit Patientinnen und Patienten genau das bekommen, entwickelt sich das Gesundheitssystem in Südtirol weiter.
Es ist früher Morgen in Pfatten. Franz Goller (75 Jahre) merkt beim Aufwachen, dass etwas nicht stimmt. Bauchschmerzen. Es ist kein dramatischer Notfall, das weiß er. Aber er ist unsicher. Was tun? Abwarten? Ins Krankenhaus fahren? Genau bei diesen Fragen setzt Südtirols neues Gesundheitssystem an.
Im neuen Modell der Südtiroler Gesundheitsversorgung verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Nicht das Krankenhaus steht mehr am Anfang der Gesundheitsversorgung, sondern ein eng geknüpftes Netz mit verschiedenen im ganzen Land verteilten Diensten. Passende Hilfe wird zum Prinzip. Der Gedanke dahinter ist einfach: Viele gesundheitliche Fragen sollen nicht mehr erst im Krankenhaus beantwortet werden, sondern dort, wo es dafür geeignete und koordinierte Hilfe gibt, möglichst wohnortnah und vor allem auch schneller zugänglich.
Gesundheitslandesrat Hubert Messner beschreibt diesen Ansatz so: „Wer Hilfe braucht, soll sie schnell, gut und in modernen Strukturen vor Ort bekommen.“ Zugleich sollen die Krankenhäuser entlastet werden, um sich auf akute lebensbedrohliche Fälle konzentrieren zu können. Das neue System stützt sich auf vier zentrale Bausteine, und zwar Gemeinschaftshäuser, Gemeinschaftskrankenhäuser, wohnortnahe Einsatzzentralen sowie die neue Gesundheitshotline 116117 und natürlich auf die bestehenden Krankenhäuser und die Hausärzte.
Vom Sprengel zum Gemeinschaftshaus. Im Zentrum stehen die neuen Gemeinschaftshäuser in Bozen (2), Brixen, Bruneck, Klausen, Innichen, Mals, Leifers, Meran, Naturns, Neumarkt und Sterzing. Sieben sind seit Sommerbeginn in Betrieb. Sie sind weiterentwickelte Sprengel, bieten aber mehr Dienste. Menschen werden dort beraten, untersucht, betreut und unterstützt. So sparen sie sich lange Wege und Wartezeiten, beispielsweise im Krankenhaus. Hausärztin, Kinderarzt, Krankenpflege, Sozialdienste, spezialisierte Fachärzte (etwa Kardiologie, Diabetologie, Rheumatologie) und auch Prävention und Therapie und mehr arbeiten dort eng zusammen. In den Gemeinschaftshäusern gibt es Ambulatorien für kleine Dringlichkeiten als Anlaufstelle für nicht lebensbedrohliche Beschwerden sowie mobile Einheiten für Hausbesuche.
Besonders wichtig ist dabei die Versorgung chronisch Kranker. Sie sollen verstärkt im Gemeinschaftshaus begleitet werden, statt regelmäßig ins Krankenhaus zu müssen. Statt vieler einzelner Wege soll es einen koordinierten Zugang geben. Menschen sollen also nicht mehr zwischen Zuständigkeiten wechseln müssen, sondern die Betreuung soll auf den Menschen abgestimmt werden.
Wenn Versorgung Übergänge braucht. Gesundheit endet nicht am Ausgang vom Spital. Oft müssen Patienten, auch nachdem sie im Krankenhaus waren, betreut, gepflegt und medizinisch begleitet werden. Hier setzen die wohnortnahen Einsatzzentralen (WONE) an, die in Bozen, Neumarkt, Brixen, Meran und Bruneck schon im Einsatz sind. Sie koordinieren Übergänge zwischen Krankenhaus, Pflegeeinrichtungen und dem eigenen Zuhause.
Ergänzt wird das System durch drei Gemeinschaftskrankenhäuser in Bozen, Meran und Neumarkt, von denen jene in Bozen und Meran bereits aktiv sind. Dort gibt es Intermediärbetten: Das sind Betten zwischen akuter Betreuung und dem Zuhause oder einer Einrichtung wie dem Seniorenheim, also Betten eigens für Menschen, die keine Akutversorgung mehr, aber noch medizinische Betreuung benötigen.
Neue Nummer für Orientierung. Ein weiterer Baustein ist die neue, rund um die Uhr erreichbare Gesundheitshotline 116117. Damit einhergehen soll eine grundlegende Neuregelung der Betreuungskontinuität, also des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Dieser Bereitschaftsdienst sollte dann über die Gemeinschaftshäuser angeboten werden. Bevor also der Weg ins Krankenhaus führt, kann man bald bei der Gesundheitshotline anrufen. Dort gibt Fachpersonal entweder Infos für Hilfe oder leitet an die zuständige Stelle weiter. Das kann der eigene Hausarzt sein, wenn er im Dienst ist, oder das Ambulatorium für kleine Dringlichkeiten im Gemeinschaftshaus oder bei akuten Notfällen die Landesnotrufnummer 112. Damit entsteht erstmals ein einheitlicher Zugangspunkt für nicht akute gesundheitliche Anliegen. Für alle lebensbedrohlichen dringenden Fälle gibt es weiter die Landesnotrufnummer 112. Die Rufnummer 116117 wird aktuell in einer Pilotphase im Gesundheitsbezirk Bozen erprobt. Später wird der Dienst schrittweise auf das gesamte Land ausgedehnt.
Das neue Modell reagiert auf eine vielen bekannte Wirklichkeit: Krankenhäuser sind oft die erste Anlaufstelle, auch wenn meist andere Dienste ausreichen würden. Das führt zu Belastung bei den Menschen, die im Akutbereich arbeiten, und zugleich zu langen Wartezeiten, beispielsweise in der Notaufnahme. „Deswegen soll das neue System beides verändern: Entlastung der Krankenhäuser und gleichzeitig mehr Versorgung in der Nähe“, erklärt Michael Mayr, Direktor im Ressort für Gesundheit und Gesundheitsvorsorge. „Wir machen einen Schritt hin zu einer Versorgung, die näher bei den Menschen ist und besser auf ihre Bedürfnisse eingeht.“
Ein Krankenhaus mit sieben Standorten. Dabei bleiben die Südtiroler Krankenhäuser in Bozen, Meran, Brixen, Bruneck, Innichen, Schlanders und Sterzing ein Grundpfeiler der Versorgung. „Wir haben auch künftig ein Krankenhaus mit sieben Standorten, die vernetzt und gemeinsam arbeiten und verschiedene Behandlungen abgestimmt anbieten, nur sollen sie sich dabei auf die Akutversorgung konzentrieren können“, erläutert Landesrat Messner. Zusammen mit den Gemeinschaftshäusern, den Einsatzzentralen, den Gemeinschaftskrankenhäusern und der Hotline entsteht damit ein neues Netzwerk der Versorgung.
Zurück in die kleine Gemeinde Pfatten, in den frühen Morgenstunden. Franz ist noch immer unsicher. Aber der freundliche Mitarbeiter der Gesundheitshotline hat ihm erklärt, dass er gleich ins neue Gemeinschaftshaus Leifers kommen kann, wo er untersucht und behandelt wird, ohne lange zu warten.
san
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