Pollen unter der Lupe
Für Allergikerinnen und Allergiker sind sie eine Plage: die Pollen. Seit 30 Jahren wertet ein eigener Dienst des Landes die Daten zum Pollenflug aus und vollbringt dabei Höchstleistungen.
Der Blick durchs Mikroskop bleibt an winzigen, zartrosa gefärbten Körnern hängen. Unzählige finden sich auf dem Probestreifen unter der Linse - und auf den ersten Blick sehen alle gleich aus. Doch der Teufel steckt wie so oft auch bei den Pollenkörnern im Detail. Rund, oval, gezackt – der Pollen jeder Pflanze sieht anders aus und auch, was die Größe des Pollens betrifft, ist das Spektrum riesig. „Das ist wie der individuelle Fingerabdruck eines Menschen“, erklären Veronika Kofler und die Biologin Magdalena Widmann vom Polleninformationsdienst des Landes.
30 Jahre Polleninformation. Vor genau 30 Jahren, 1995, übernahm das Biologische Labor der Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz den Polleninformationsdienst für Südtirol. Seither wird das Pollenmonitoring in Bozen und – mit kurzen Unterbrechungen - auch in Schlanders und in Bruneck durchgeführt. Veronika Kofler war fast von Anfang an in der Pollenerhebung und -auswertung dabei. Die Arbeit hat in all den Jahren für sie kein bisschen an Faszination verloren – im Gegenteil. „Jeder Tag ist anders und auch neue Pollen sind manchmal dabei“, erklärt sie. „Es bleibt spannend."
Ist gerade Hochsaison, wie im April oder Mai, können die Arbeitstage aber auch sehr anstrengend sein: Dann zählen und bestimmen die beiden Mitarbeiterinnen des Labors an gewissen Tagen am Lichtmikroskop in einer Probe über 5.000 Pollenkörner. Doch wie kommen die Pollenproben überhaupt ins Labor? Die Probeentnahme in Südtirol erfolgt gemäß europäischem Standard mit Pollenfallen: Eine davon ist am Dach der Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz in Bozen positioniert, zwei weitere auf den Dächern der Krankenhäuser Schlanders und Bruneck. Die in der Luft vorhandenen Partikel werden über eine Vakuumpumpe angesaugt und bleiben im Inneren der Pollenfalle auf einem klebrigen Kunststoffstreifen haften. Dieser ist auf einer sich drehenden Pollentrommel montiert. Nach einer Woche Beprobung wird die Pollentrommel ausgetauscht und ins Biologische Labor nach Leifers gebracht, wo die Auswertung erfolgt.
„Kommt die Pollentrommel bei uns an, wird der Probenstreifen von der Fangtrommel abgelöst, in Tagesstreifen geschnitten und mit Fuchsin eingefärbt. Dann werden die Pollen am Lichtmikroskop ausgezählt und bestimmt, um welche es sich handelt. Im Anschluss errechnen wir daraus die Pollenkonzentrationen pro Kubikmeter Luft, die gemeinsam mit den aktuellen Temperatur- und Niederschlagsvorhersagen die Grundlage für unsere Pollenflugprognosen darstellen“, berichtet Widmann. Das alles erfordert große Genauigkeit und Konzentration - und jahrelanges Training. Denn bis zu 40 verschiedene Pollenarten können in den Proben vorkommen.
Windblütige Pflanzen als Hauptverursacher. Verursacher einer Pollenallergie sind hauptsächlich die Pollenkörner von windblütigen Pflanzen. „Diese haben unscheinbare Blüten, schütten aber enorme Mengen an Blütenstaub aus – tausende, mikroskopisch kleine Pollenkörner, die vom Wind über große Distanzen transportiert werden“, erklärt Widmann.
Die höchsten Pollenkonzentrationen befinden sich im Frühjahr in der Luft, wenn Bäume und Sträucher blühen, es folgt die Blüte der Süßgräser sowie verschiedener Wildkräuter. „Insgesamt verzeichnet die jährliche Gesamtpollenmenge an allen drei Stationen - Bozen, Schlanders, Bruneck in den letzten 30 Jahren eine Zunahme“, berichtet die Direktorin des Biologischen Labors Alberta Stenico. Dabei spiele auch der Klimawandel eine Rolle: Aufgrund der wärmeren Temperaturen können frühere und längere Pollensaisonen auftreten, was bei allergischen Personen zu länger anhaltenden gesundheitlichen Problemen führen kann.
Information wichtig für Prävention. Um die eigene Allergie in den Griff zu bekommen, ist es unabdingbar zu wissen, auf welche Pollen man allergisch reagiert und wann und wo diese fliegen. „Information ist der erste Schritt zur Prävention“, lautet die Mission des Polleninformationsdienstes. Für viele Pollenallergikerinnen und -allergiker ist die Arbeit des Polleninformationsdienstes nicht mehr wegzudenken. Die Nachfrage nach den stets aktuellen Pollenflugprognosen ist groß, bestätigen Veronika Kofler und Magdalena Widmann. Sie liefern wöchentlich die Pollenflugberichte für Bozen, Bruneck und Schlanders. Besonders beliebt bei Allergikern ist zudem die 4-Tages-Prognose. Darüber hinaus geben die Pollenflugkalender einen Überblick über den Jahresverlauf der Pollenkonzentrationen in der Luft. Seit einigen Jahren betreuen die beiden Mitarbeiterinnen auch die Pollenprognosen für Südtirol in der kostenlosen App Pollen+.
Blick in die Zukunft. In Zukunft könnte auch die Künstliche Intelligenz (KI) eine große Unterstützung in der Pollenerhebung sein. „Derzeit testen wir ein neues Messgerät, die automatische Pollenfalle PolenoMars", erzählt Magdalena Widmann. „Sie soll uns dabei behilflich sein, Informationen zum Pollenflug in Echtzeit zu sammeln und weiterzugeben. Gerade an Spitzentagen im Pollenflug könnte das eine Erleichterung sein.“ Noch muss aber die KI für die Auswertung einiges lernen. Dazu beteiligt sich der Polleninformationsdienst zusammen mit dem Forschungsinstitut „Edmund Mach" in San Michele all'Adige seit 2023 am Projekt CATS (Callibration Adaptation Trentino-Südtirol): „Wir sammeln heimische Pflanzenpollen, mit denen die automatische Pollenfalle die Erkennung der lokalen Pollenflora trainiert“, erklärt Widmann. Projekte wie dieses zeigen: Europaweit tut sich sehr viel in der Pollenflugerhebung. Und auch im Labor des Polleninformationsdienstes in Leifers bleibt es spannend, wenn die Pollen im Anflug sind.
mpi
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