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Sleeping Beauty

22.04.2026

Sleeping Beauty macht vernachlässigte städtische Räume in Bozen zu „schlafenden Schönheiten“, erforscht ihre nächtliche Biodiversität und zeigt, wie Stadt, Natur und Museum zusammenwirken, um bislang übersehene Orte ökologisch und gesellschaftlich wertvoll zu machen.

Ein von künstlichem Licht erhellter Spielplatz in Bozen bei Nacht: für nachtaktive Insekten, Fledermäuse und Amphibien wird die starke Beleuchtung zum Hindernis oder zur ökologischen Falle. (Foto: Naturmuseum Südtirol)
Ein von künstlichem Licht erhellter Spielplatz in Bozen bei Nacht: für nachtaktive Insekten, Fledermäuse und Amphibien wird die starke Beleuchtung zum Hindernis oder zur ökologischen Falle. (Foto: Naturmuseum Südtirol)

Museen beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit der Vergangenheit. Sie greifen aktuelle gesellschaftliche Fragen auf, verbinden Forschung mit Öffentlichkeit und machen wissenschaftliche Erkenntnisse dort sichtbar, wo sie für das tägliche Leben relevant werden. In diesem Spannungsfeld bewegt sich Sleeping Beauty, ein großes europäisches Forschungsprojekt, an dem auch das Naturmuseum Südtirol beteiligt ist und das in Bozen ganz konkret Gestalt annimmt.

Im Zentrum des Projekts steht ein Ort in Bozen, den viele kennen, aber kaum jemand bewusst wahrnimmt: das Areal nördlich des Touristenparkplatzes in der Schlachthofstraße am Bozner Boden. Ein vernachlässigter und ungenutzter Raum, der beispielhaft für jene „vergessenen Orte“ steht, denen Sleeping Beauty neues Potenzial zuschreibt.

Sleeping Beauty ist ein von der Europäischen Union im Rahmen von Horizon Europe gefördertes Forschungs und Innovationsprojekt mit 20 Partnerinstitutionen aus ganz Europa. Beteiligt sind Universitäten, Forschungszentren, Städte und Regionen, Planungs- und Designbüros sowie Kultur- und Vermittlungseinrichtungen. In sechs europäischen Pilotregionen werden neue Wege erprobt, um vernachlässigte Räume ökologisch, sozial und gestalterisch weiterzuentwickeln.

Bozen ist eine dieser Pilotregionen. Die Stadt steht dabei exemplarisch für viele urbane Räume in Europa: historisch gewachsen, verkehrlich stark belastet, mit wenigen zusammenhängenden Grünflächen und gleichzeitig mit einem hohen Anspruch an Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Biodiversität.

Dornröschen?
Der Name des Projekts ist bewusst gewählt. Wie im Märchen vom Dorn-röschen geht es um Orte, die nicht zerstört sind, sondern in eine Art Schlaf gefallen sind: Flächen, die über Jahre hinweg funktional reduziert, überprägt oder schlicht übersehen wurden. Sleeping Beauty versteht diese Räume als „schlafende Schönheiten“. Nicht als Problemzonen, sondern als Chancenräume.

Am Bozner Boden zeigt sich dieses Prinzip besonders deutlich. Das ausgesuchte Areal bildet eine harte Barriere im Stadtgefüge, zugleich liegt es an einem sensiblen Übergang zwischen Verkehrsraum, Industrie, Wald und Wohngebieten. Genau hier setzt das Projekt an.

Die Nacht als Schlüsselthema. Ein inhaltlicher Schwerpunkt von Sleeping Beauty (und besonders des Bozner Pilotprojekts) ist die Nacht. Künstliches Licht prägt den Bozner Boden rund um die Uhr: Straßen, Parkplätze und Bahnanlagen sind stark beleuchtet. Für viele Tiere stellt dies ein kaum überwindbares Hindernis dar. Nachtaktive Insekten, Fledermäuse oder Amphibien meiden solche Räu-me oder geraten dort in ökologische Fallen.

Das Projekt arbeitet daher mit dem Konzept der Dark Infrastructure: einem Netzwerk aus möglichst dunklen Kernbereichen und Verbindungskorridoren, das es nachtaktiven Arten erlaubt, sich auch in einer urbanen Landschaft zu orientieren und zu bewegen. Dunkelheit wird dabei nicht als Defizit verstanden, sondern als ökologische Qualität.

Die Rolle des Naturmuseums Südtirol. Innerhalb des Projekts übernimmt das Naturmuseum Südtirol eine zentrale Rolle im Bozner Pilotareal. Seine Aufgabe ist es, die biologische Dimension dieses Stadtraums sichtbar zu machen, insbesondere jene, die tagsüber verborgen bleibt.

Konkret wird das Museum am Bozner Boden ein Monitoring der nächtlichen Biodiversität durchführen, mit besonderem Fokus auf die Nacht. Untersucht wird unter anderem, welche Tiergruppen den Raum nutzen, wie sich Licht auf ihr Verhalten auswirkt und welche Bereiche trotz starker Nutzung noch ökologische Funktionen erfüllen. Dieses Monitoring liefert die wissenschaftliche Grundlage für spätere Gestaltungs- und Planungsentscheidungen.

Gleichzeitig versteht sich das Naturmuseum als Vermittler: Die gewonnenen Erkenntnisse fließen nicht nur in Fachberichte, sondern auch in Ausstellungen, Vermittlungsformate und öffentliche Diskussionen ein. Damit wird dieser vernachlässigte Ort neu lesbar, als Teil eines urbanen Ökosystems.

Sleeping Beauty zeigt an diesem Beispiel, wie europäische Forschung, lokale Fragestellungen und museale Aufgaben ineinandergreifen können. Das Projekt verwandelt einen funktional geprägten Stadtraum in einen Forschungs- und Lernort und macht deutlich, dass selbst dort, wo auf den ersten Blick wenig Natur zu finden ist, komplexe ökologische Prozesse ablaufen.

So wird aus einem vernachlässigten Bahnhofsareal eine „schlafende Schönheit“, die langsam erwacht. Nicht durch große Versprechen, sondern durch genaues Hinsehen. Und genau darin liegt die Stärke dieses Museumsprojekts: Es schärft den Blick für jene Räume und Zeiten, die im Alltag leicht übersehen werden. Wie die Nacht mitten in der Stadt.

dg

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