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Überleben wie Ötzi

22.04.2026

Wie überlebte man vor 5.000 Jahren in einer Welt ohne Strom, Straßen und Supermärkte? Antworten darauf lieferte im Herbst 2025 ein Outdoortag bei Latsch, der auch einen Bogen schlug vom unmittelbaren Erleben in der Natur zu einem der berühmtesten Menschen der europäischen Jungsteinzeit: Ötzi, dem Mann aus dem Eis.

Beim Outdoortag zeigte Survivalexperte Philipp Schraut, wie Menschen zu Ötzis Zeit überlebten: Wasser prüfen, Feuer mit Feuerstein entzünden, jagen und alles verwerten. (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum)
Beim Outdoortag zeigte Survivalexperte Philipp Schraut, wie Menschen zu Ötzis Zeit überlebten: Wasser prüfen, Feuer mit Feuerstein entzünden, jagen und alles verwerten. (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum)

Dass der Vinschgau und das Martelltal bereits in der Kupferzeit besiedelt waren, belegen zahlreiche archäologische Funde. Wahrscheinlich hielt sich auch Ötzi hier auf – vielleicht sogar mehrfach, denn der Mann vom Tisenjoch war viel unterwegs. Genau an diesem historischen Schauplatz setzte der Survival- und Steinzeitexperte Philipp Schraut an, der an einem Tag im Herbst 2025 eine kleine Gruppe aus Wissbegierigen, Archäologieinteressierten und Naturbegeisterten begleitete. Mit Repliken prähistorischer Werkzeuge im Gepäck lud er zu einer gedanklichen Zeitreise ein: „Stellen wir uns vor, wir gehen 5.000 Jahre zurück. Keine Wege, keine Maschinen. Nur Wald, Wasser und Wissen.“

Was ungeübten Augen als gewöhnlicher Wald erscheint, entpuppte sich unter fachkundiger Anleitung als reich gedeckter Vorratsspeicher. Pflanzen, Pilze, Hölzer – alles besitzt Potenzial. Diese Perspektive verbindet Survivalpraxis mit Archäotechnik. Schraut arbeitet konsequent auf Basis archäologischer Funde und Materialien, wie sie aus jungsteinzeitlichen Kontexten und aus Ötzis Ausrüstung bekannt sind. Durch jahrelange praktische Erprobung hat er jene Materialkenntnis erworben, die notwendig ist, um prähistorische Objekte wirklich zu verstehen.

Der erste Schritt zum Überleben ist Wasser. An einem Bach zeigt Schraut, wie bestimmte Insektenlarven als Bioindikatoren sauberes Wasser verraten. Doch Wissen bedeutet auch Vorsicht: Nur wenige hundert Meter entfernt befindet sich eine Fischzucht. Die Schlussfolgerung lautet daher wie in der Steinzeit: beobachten, einschätzen, absichern – im Zweifel abkochen.

Ohne Feuer kein Essen: Mit Feuerstein, Pyrit und Zunderschwamm – Materialien, die auch zu Ötzis Beifunden zählen - entstehen Funken und schließlich ein Glutnest, aus dem mit Geduld eine Flamme entsteht. Feuer war in der Kupferzeit Lebensversicherung und sozialer Mittelpunkt zugleich. Ötzi transportierte Glut in Birkenrindengefäßen – eine raffinierte Methode, um schneller an wärmendes Feuer zu gelangen, als es das mühsame Neuentfachen erlaubt hätte.

Bogenschießübungen mit dem Langbogen verdeutlichen, wie auf-wendig, zugleich aber präzise und wirkungsvoll Ötzis Jagdausrüstung war. Mit entsprechender Übung lassen sich auch bewegliche Ziele aus größerer Entfernung treffen – vorausgesetzt, Geduld, Anschleichen und eine ruhige Hand kommen zusammen. Da dies mehr als einen Tag Übung (und das geltende Jagdgesetz) erfordert, bringt Schraut praktischerweise den Lauf eines erlegten Wildtieres mit. Auch beim Zerlegen der Keule durch einige Unerschrockene erweisen sich Steinwerkzeuge aus Feuerstein als erstaunlich effizient und machen verständlich, warum Ötzis Dolch und Silexklingen genau diese Formen und Materialien aufweisen.

Beim gemeinsamen Kochen wurde deutlich: Nichts wurde verschwendet. Fleisch dient als Nahrung, frisch zubereitet oder getrocknet, Sehnen werden zu Schnüren gedrillt, Knochen zu Werkzeugen verarbeitet. Auch Ötzis Ausrüstung zeugt von diesem umfassenden Materialverständnis: vom Kupferbeil über Pfeil und Bogen bis zur Kleidung aus Fell, Leder und Gras. Seine isolierenden Schuhe, der Fellmantel und die Bärenfellmütze waren perfekt an das Hochgebirge angepasst – Schutz und Statussymbol zugleich.

Am Ende des Tages genießen alle Teilnehmenden zusammen in der Natur eine wohlschmeckende Mahlzeit, die sie selbst erarbeitet haben. Die Erfahrung wirkt nach. Archäotechnik macht Geschichte begreifbar – im wahrsten Sinn des Wortes. Sie zeigt, dass Museumsobjekte keine stummen Zeugen sind, sondern Ergebnisse von Wissen, Erfahrung und Kreativität. Und sie vermittelt ein neues Verständnis für Ötzi und seine Zeit – sowie für die Erkenntnis, dass die Natur alles bereithält, was es zum Überleben braucht – sofern wir lernen, sie zu lesen.

kh

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