Bevor die Krise kommt
Wenn der Stress überhandnimmt, braucht es nicht immer gleich eine Therapie: Manchmal genügt jemand, der zuhört, oder gezielte Hilfe zum richtigen Zeitpunkt. Deshalb setzt das Land auf Prävention und niederschwellige Angebote.
Der Wecker klingelt, aber die Nacht war wieder zu kurz. Die Gedanken kreisen schon vor dem Aufstehen. In der Arbeit wartet Stress, zu Hause Konflikte, die Sorge oder Trauer um einen lieben Menschen und insgesamt das Gefühl, dass alles zu viel wird. Viele Menschen kennen solche Phasen. Sie gehören zum Leben und bedeuten nicht automatisch, dass jemand psychisch krank ist.
Psychische Gesundheit betrifft alle. Psychische Gesundheit bedeutet nämlich nicht, dass man immer glücklich, entspannt oder leistungsfähig ist. Auch gesunde Menschen erleben Stress, Trauer, Ängste oder schwierige Lebenssituationen. Entscheidend ist, wie gut es gelingt, damit umzugehen oder Hilfe zu finden. Oft werden solche Situationen allein bewältigt. Oft hilft ein Gespräch mit Freunden oder der Familie. Manchmal aber reicht die eigene Kraft nicht mehr aus. Dann braucht es mehr Unterstützung.
Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass psychische Gesundheit ein wesentlicher Teil der allgemeinen Gesundheit ist. Gleichzeitig zeigen internationale Daten, wie groß die Bedeutung des Themas geworden ist: Weltweit lebt etwa jeder siebte Mensch mit einer psychischen Erkrankung. Bei den Jugendlichen gilt dieselbe Größenordnung. Besonders häufig sind Depressionen und Angststörungen.
Belastungsfaktoren und Schutzfaktoren. Ob aus Belastungen ernsthafte psychische Probleme entstehen, hängt laut Gesundheitsressort jedoch meist nicht von einem einzelnen Belastungsfaktor ab. Vor allem die Dauer und Intensität der Belastung spielen eine Rolle und auch die persönlichen Möglichkeiten, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Ebenso wichtig sind Schutzfaktoren: Stabile soziale Beziehungen, Sicherheit, Unterstützung durch andere Menschen und Strategien, mit schwierigen Situationen umzugehen, können helfen, Belastungen besser abzufangen.
Nicht warten, bis alles zusammenbricht. Primar Erwin Steiner betont in diesem Zusammenhang, dass professionelle Unterstützung nicht erst dann sinnvoll ist, wenn der Alltag völlig aus den Fugen gerät. Oft sei es hilfreich, bereits dann Hilfe zu suchen, wenn Belastungen über längere Zeit bestehen bleiben oder die bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen.
Viele Menschen suchen Hilfe erst sehr spät. Häufig aus Scham. Oder weil sie glauben, ihre Probleme allein lösen zu müssen. Dabei zeigen Erfahrungen aus der Praxis etwas anderes. Wer früh Unterstützung erhält, kann Belastungen oft besser bewältigen und verhindern, dass sich Schwierigkeiten verfestigen. Genau deshalb setzt das Gesundheitsressort und der Südtiroler Sanitätsbetrieb verstärkt auf Prävention und niederschwellige Angebote.
„Wir wollen früh ansetzen: informieren, vorbeugen und Belastungen rechtzeitig erkennen. Je früher Menschen Unterstützung bekommen, desto besser können wir verhindern, dass aus einer Belastung eine Krise wird. Niederschwellige Angebote und eine wohnortnahe Versorgung sind dafür wichtige Bausteine“, unterstreicht Gesundheitslandesrat Hubert Messner.
Hilfe soll in der Nähe der Menschen erreichbar sein. Dieses Ziel spiegelt sich auch im Ausbau der psychologischen Versorgung wider. Der Psychologische Dienst des Gesundheitsbetriebs begleitet Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Beratung, psychologischer Diagnostik, Psychotherapie und Kriseninterventionen. Auch die Zentren für psychische Gesundheit stehen Menschen mit psychischen Erkrankungen oder schweren Belastungen offen. Beide Angebote können direkt in Anspruch genommen werden, ohne dass dafür zwingend eine ärztliche Verschreibung erforderlich ist. „Neben dem Psychologischen Dienst und den Zentren für psychische Gesundheit entsteht schrittweise eine psychologische Grundversorgung in den Gemeinschaftshäusern“, sagt Michael Mayr, Direktor des Ressorts für Gesundheitsvorsorge und Gesundheit.
Ergänzt wird dieses Angebot durch Familienberatungsstellen sowie Angebote der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Ausgebaut wurde gerade dieses Jahr auch die Schulpsychologie, indem das Personal aufgestockt wurde. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen unterstützen Schülerinnen und Schüler bei psychischen Belastungen, führen Ersteinschätzungen durch und beraten auch Lehrpersonen sowie Eltern. „Der Grundgedanke hinter den verschiedenen Angeboten ist einfach: Menschen sollen Hilfe finden, bevor eine Situation eskaliert“, erklärt Mayr.
Wenn die Krise akut wird. Manchmal reichen die bisherigen Schutzmechanismen eines Menschen bei Belastung jedoch nicht mehr aus. Dann können Angst, Verzweiflung, Orientierungslosigkeit oder völlige Überforderung die Oberhand gewinnen. Primar Erwin Steiner, Leiter des Psychologischen Krisentelefons, beschreibt solche Situationen als Momente, in denen die eigene Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt ist und professionelle Unterstützung notwendig wird.
Wie wichtig niederschwellige Hilfe sein kann, zeigen die Zahlen des Psychologischen Krisentelefons. 2025 gingen dort 4.717 Anrufe ein. Besonders häufig ging es um familiäre Konflikte oder akute Belastungsreaktionen. Im Durchschnitt dauerte ein Gespräch 17 Minuten.
Bemerkenswert ist ein weiterer Wert: Rund 80 Prozent der Anrufe konnten ohne Weitervermittlung abgeschlossen werden. Oft genügte bereits ein professionelles Gespräch, um Menschen zu stabilisieren, Orientierung zu geben und gemeinsam die nächsten Schritte zu klären.
Erwin Steiner bringt die Aufgabe des Krisentelefons so auf den Punkt: „Nicht immer braucht es sofort eine weitere Behandlung. Oft geht es zunächst darum, zuzuhören, Sicherheit zu vermitteln und Menschen dabei zu helfen, ihre eigenen Ressourcen wiederzufinden.“
Was jede und jeder für die eigene psychische Gesundheit tun kann. Psychische Gesundheit lässt sich nicht vollständig planen. Niemand kann verhindern, dass schwierige Lebensphasen auftreten. Dennoch gibt es einige Dinge, die das seelische Wohlbefinden stärken und helfen können, Belastungen besser zu bewältigen. Primar Erwin Steiner weist darauf hin, dass oft gerade einfache Dinge im Alltag eine große Wirkung entfalten können. Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und ein möglichst verlässlicher Tagesrhythmus können Halt geben und wichtige Ausgleichsmöglichkeiten schaffen. Ebenso wichtig seien soziale Kontakte. Wer mit anderen Menschen verbunden bleibt und über Belastungen spricht, muss schwierige Situationen nicht allein tragen. Dazu gehört auch, rechtzeitig Grenzen zu setzen. Viele Menschen versuchen, über längere Zeit mehr zu leisten, als ihre Kräfte erlauben. Auf Dauer kann das zu Überforderung führen. Bewusste Pausen, Zeit für Erholung und die Fähigkeit, Unterstützung anzunehmen, sind deshalb laut Psychologen kein Zeichen von Schwäche, sondern wichtige Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit.
Hilfreich ist außerdem, Alkohol oder andere Substanzen nicht als Lösung für Probleme anzusehen. Sie überdecken Belastungen zwar kurzfristig, verstärken sie jedoch langfristig. Wer auf sich achtet, soziale Beziehungen pflegt und früh über Probleme spricht, schafft also gute Voraussetzungen, um auch schwierige Lebenssituationen besser zu bewältigen.
Psychische Probleme werden immer noch häufiger verschwiegen als körperliche Erkrankungen. Dabei können psychische Erkrankungen jeden Menschen treffen. Sie sagen nichts über den Wert, den Charakter oder die Leistungsfähigkeit eines Menschen aus. Wer früh über Belastungen spricht und Unterstützung annimmt, setzt kein Zeichen der Schwäche, sondern einen Schritt in Richtung Gesundheit.
Achtsam sein. Die meisten Krisen wachsen langsam. Mit Sorgen, die bleiben. Mit Erschöpfung, die nicht verschwindet. Mit Belastungen, die man zu lange mit sich selbst ausmacht. Gerade deshalb ist es wichtig, früh hinzuschauen. Auf sich selbst. Auf Menschen um sich. Hilfe beginnt nicht erst im Notfall. Sie beginnt mit dem Mut, den ersten Schritt zu machen. Bevor die Krise kommt.
Drei Fragen an...
Primar Erwin Steiner, Leiter des Psychologischen Krisentelefons
Woran erkennt man, dass eine Situation zu einer akuten psychischen Krise geworden ist?
Wenn Schutz- und Bewältigungsmechanismen nicht mehr ausreichen und die Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt ist. Betroffene können emotional erstarrt wirken, nicht mehr auf Ansprache reagieren oder extreme Panik, Angst, Zittern, Weinen oder Wut zeigen. Auch Desorientierung, völliger Rückzug oder die Unfähigkeit, einfachen Anweisungen zu folgen, sind Warnzeichen.
Was können Angehörige oder Freunde tun?
Sie handeln am besten nach dem Prinzip LOOK – LISTEN – LINK. Ruhe bewahren, Kontakt aufnehmen, zuhören und die Situation Ernst nehmen. Keine Vorwürfe machen und keine ungefragten Ratschläge geben. Bei Bedarf professionelle Hilfe organisieren und bei unmittelbarer Gefahr Notruf 112 verständigen.
Was passiert beim Psychologischen Krisentelefon?
Die Situation wird eingeschätzt, Betroffene werden stabilisiert und erhalten Orientierung. Oft reicht das professionelle Gespräch bereits aus. Falls nötig, erfolgt eine Weitervermittlung an passende Dienste.
san; vh
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