"Du konnsch des, Doktorin"
Der Alltag einer Allgemeinmedizinerin hat es in sich. Wie gut, dass sich Patienten auch manchmal um ihre Doktorin kümmern.
Sie trägt die Medizin in den Genen: In der engeren Familie gibt es mehrere Ärzte, mit Tischgesprächen über Medizin ist sie aufgewachsen. Schon seit der Mittelschule wollte Claudia Petroni Ärztin werden. Heute ist sie Allgemeinmedizinerin in ihrer Heimatstadt Brixen. „Ich wollte mich nicht auf ein Fach beschränken. In der Allgemeinmedizin sieht man alles: Auge, Knie, Haut, Herz, vom jungen Menschen bis zum Greis. Diese Vielfalt hat mich schon immer fasziniert.“
Als Medizinstudentin in Innsbruck f iel ihr ein Aushang auf: Akupunkturfamulatur an einer der modernsten Einrichtungen in Peking. Säle mit 10 bis 20 Betten, darunter der Bettnapf, „hygienisch wahnsinnig“, aber lehrreich: „Es hat meinen Horizont sehr erweitert. Patienten in China sind wortkarg, sehr schmerzunempfindlich. Schul- und Komplementärmedizin, traditionelle chinesische Medizin und Akupunktur sind eng integriert.“
„Wir brauchen uns nicht zu verstecken“. Dem Standard der Gesundheitsversorgung in Südtirol kann Petroni einiges abgewinnen. „Bei uns bekommt der Patient, was er braucht.“ Selbstverständlich ist das nicht. Eine Ausbildung für Schmerztherapie in Deutschland hat ihr gezeigt, dass andere Systeme auch zu mehr Behandlungen und Eingriffen führen können als notwendig und gut. Eine Famulatur absolvierte sie an der Neurologie-Abteilung in Lissabon. Bei der wöchentlichen Sprechstunde im vierten Stock reichte die Menschenschlange durchs Treppenhaus bis auf die Straße. „Wenn man das gesehen hat, ist man dankbar.“
Zurück nach Südtirol. Das Heim- weh hat Claudia nach der Ausbildung in Vorarlberg wieder nach Südtirol geführt, ohne Job, aber mit viel Zuversicht. Acht Stellenangebote in Österreich hat sie abgelehnt. Eine Zeit an der Reha-Abteilung in Bruneck, ein knappes Jahr Babykarenz. Dann wird im Sarntal ein Hausarzt gesucht. Bei der Wohnungssuche haben die Patienten mitgeholfen. „Ein Sprung ins kalte Wasser, doch bald war mir klar: Das ist mein absoluter Traumjob. Es war eine wirklich gute Zeit.“
Einmal saß ein Patient in der Praxis, geduldig wartend, ein Geschirrtuch an den Hals gedrückt. Darunter eine klaffende Wunde. Petroni empfiehlt die Notaufnahme, doch nach Bozen will er nicht. „Des konnsch du schun, Doktorin“, sagte er. Sie hat die Wunde selbst genäht. „Das Vertrauen der Patienten bestärkt, man kann von ihnen viel lernen.“
Fürsorgliche Patienten. Leicht hatte es die junge Familie nicht. Mann und Sohn pendelten wöchentlich mit ins Sarntal, zugleich war der Haushalt in Brixen zu führen. Dann übernahm sie eine Einzelpraxis in Freienfeld. Manchmal kochten die Patienten der Ärztin das Mittagessen, aus Sorge, sie hätte dafür keine Zeit. Nach der Geburt des zweiten Babys wurde eine Stelle in Brixen frei, in der Gemeinschaftspraxis in der die Ärztin heute ordiniert: „Die Arbeit im Team ist wahnsinnig bereichernd. Man kann sich fachlich austauschen und auf die Erfahrung und speziellen Kompetenzen der anderen zurückgreifen.“ In Südtirol bräuchte es mehr Assistentinnen und Krankenschwestern in den Arztpraxen, und eine schlankere Bürokratie: „Weil man dann viel mehr machen kann. Das macht Spaß. Und entlastet die Notaufnahme.“
Ohne Netzwerk geht nichts. Belastend sei, nie zu wissen, wann fertig ist: „Egal wie spät man etwas plant, es kann immer etwas dazwischenkommen. Man muss schon sehr gut managen, gerade als Mama. Das nimmt man halt in Kauf.“ Der Partner, die Großeltern, die Kinder müssen das mittragen. Auf ihre Unterstützung kann die Ärztin zählen: „Ich habe einen wunderbaren Mann!“ An einem typischen Arbeitstag steht Claudia um 5.30 Uhr auf, kurze Gebetszeit, dann joggen, „um abzuschalten“. Frühstück vorbereiten, um 8 in die Praxis, um halb zwei zum Mittagessen nach Hause. Wäsche, Hausaufgaben, dann Hausbesuche. Am Nachmittag noch Termine in der Praxis. Abends und wochenends immer wieder mal Fortbildungen, sofern man nicht Bereitschaftsdienst hat. Kinder ins Bett bringen, noch etwas Haushalt, ein paar Artikel lesen. „Mami, du arbeitest wie eine Verrückte“, sagt ihre Tochter manchmal.
Unbeirrbares Engagement. Während der Corona-Zeit, berichtet die Allgemeinmedizinerin, fielen zusätzlich bis zu 100 Rückrufe am Tag an, jeweils 2 bis 5 Minuten. „Die Pandemie hat mir das Gefühl hinterlassen, ein Stück Leben ausgelassen zu haben. Die Hausärzte sind erschöpft. Aber es muss weitergehen.“ Doch sie betont auch: „Die allermeisten Hausärzte in Südtirol sind hochmotiviert, machen viele Fortbildungen, unterstützen sich gegenseitig.“ Und: „Je mehr man arbeitet, desto mehr merkt man, wie aufbauend es ist, Menschen helfen zu können und sie ein Stück ihres Weges zu begleiten.“
kl
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