Einblicke, die verändern
Selbst einmal Patient spielen oder in die Rolle von Arzt oder Ärztin schlüpfen: Bei der Schnupperwoche können Oberschülerinnen und -schüler in Gesundheitsberufe eintauchen. Ein Blick hinter die Kulissen.
Die Luft ist erfüllt vom typischen Krankenhausgeruch – eine kräftige Mischung aus Desinfektions- und Reinigungsmitteln. Durch die großen Fenster fällt der Blick auf die „Neue Klinik“, dahinter ragen der Schlern und der Rosengarten in den Himmel. Die alten, hellgelben Wände der ehemaligen Intensivstation am Bozner Krankenhaus bilden den Rahmen für eine besondere Szene: Ein Dutzend Oberschülerinnen und Oberschüler stehen um ein Krankenhausbett herum, in dem Lukas aus Tschars liegt. Alle Augen sind auf Physiotherapeutin Giulia Bertol gerichtet, die mit ruhiger Stimme fragt: „Kannst du dein Bein bewegen?" Lukas hebt sein Bein ein Stück. Giulia legt ihre Hand dagegen und fordert ihn auf, Kraft aufzubringen. „Ich gebe dir Widerstand - du musst dagegenhalten.“ Gemeinsam bestimmen sie die Muskelkraft auf einer Skala von null bis fünf. „Vier“, sagt Lukas nach kurzem Überlegen. „Sehr gut! Wer möchte als nächstes Patient sein?“ Kurzes Zögern. Ein paar verlegene Blicke. Dann Lachen – Lukas bleibt noch in seiner Rolle als Patient.
Direktes Erleben statt trockener Theorie. Manuel aus Bozen schaut konzentriert zu. Er kennt das Krankenhausleben aus Sicht des Patienten gut, als Kind hatte er längere Aufenthalte hinter sich. Schon lange interessiert er sich für ein Medizinstudium. Doch erst hier, in der Schnupperwoche für Gesundheitsberufe, merkt er, was es wirklich bedeutet, mit Patienten zu arbeiten. „Es ist etwas ganz anderes, wenn man selbst mittendrin ist", sagt Manuel. „Man bekommt eine echte Vorstellung davon, was es heißt, im Gesundheitswesen zu arbeiten."
Seit 2024 gibt es die Schnupperwoche für Gesundheitsberufe in den italienischen Oberschulen, 2025 nehmen erstmals auch deutsche und ladinische Schulen daran teil. Ziel ist es, jungen Menschen Gesundheitsberufe praktisch näherzubringen - nicht durch trockene Theorie, sondern durch direktes Erleben.
Vom Bett in den Rollstuhl - und zurück ins Leben. Heute steht ein schwerer Unfall als Fallbeispiel im Mittelpunkt: Ein Motorradfahrer hatte aufgrund einer epileptischen Krise einen schweren Sturz. Die Schüler erarbeiten gemeinsam mit der Physiotherapeutin, welche Behandlungsschritte nötig sind, um den Patienten wieder auf die Beine zu bringen.
Jetzt geht es um den Transfer des Patienten aus dem Krankenhausbett in den Rollstuhl. „Wer will helfen?“, fragt Giulia. Manuel und Isabel melden sich sofort. Ohne Scheu packt Manuel Lukas an den Schultern und versucht, ihn zum Aufsitzen zu bewegen, Isabel stützt Manuel damit er nicht rücklings nach hinten fällt. Es klappt – aber nur mühsam. „Da gibt es Hilfsmittel", erklärt Giulia und holt ein gelbes, geschwungenes Plastikrutschbrett. Isabel positioniert es vorsichtig zwischen Bett und Rollstuhl. Wichtigste Regel: „Immer zuerst die Bremsen am Rollstuhl festziehen!" Manuel und Isabel helfen Lukas, langsam auf das Rutschbrett zu gleiten. Mit etwas Mühe landet er sicher im Rollstuhl. Die anderen lachen erleichtert – es sieht einfacher aus, als es ist. „Krass, wie viele einzelne Schritte dahinterstecken“, staunt Manuel. Dieser kurze Weg vom Krankenhausbett in den Rollstuhl hat mindestens zehn Minuten gedauert.
Wie fühlt sich ein Schädel-Hirn-Trauma an? Als Nächstes probiert Manuel ein Gehtraining nach einem Schädel-Hirn-Trauma aus. Er legt eine spezielle Schiene zur Stabilisation an und stützt sich auf eine Krücke. Ein paar unsichere Schritte. „Es ist total ungewohnt", sagt er. „Ich kann mein Fußgelenk nicht mehr richtig bewegen. Das fühlt sich an, als wäre es gar nicht mehr mein eigener Fuß.“ Nun möchte Manuel in Bozen Medizin auf Englisch studieren und später als Anästhesist arbeiten. „Falls das nicht klappt, find ich die Arbeit als Radiologietechnologe extrem spannend. Ich wusste vor dieser Schnupperwoche nicht, dass es auch Jobs im Gesundheitswesen gibt, bei denen man nicht ständig direkt mit Menschen zu tun hat."
Für Isabel war diese Woche ebenfalls erkenntnisreich. Eigentlich hatte sie sich für Physiotherapie interessiert, doch nach den praktischen Übungen steht für sie fest: „Ergotherapie ist noch spannender! Ich finde es faszinierend, wie viel man durch gezielte Bewegungen und Training erreichen kann."
Gesundheitswesen ist Teamarbeit. Während der Woche erleben die Schülerinnen nicht nur verschiedene Berufe, sondern auch, wie eng die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen ist. Physiotherapeuten, Pflegekräfte, Ärztinnen, Röntgentechnikerinnen – sie alle sind Teil eines großen Teams. „Jeder Beruf ist wichtig", sagt Manuel nachdenklich. „Egal, ob du Ärztin, Pflegerin oder Therapeut bist – ohne die anderen funktioniert das System nicht. Ich habe hier gemerkt, wie sehr sich alle gegenseitig respektieren.“ Lukas, der mittlerweile seinen Rollstuhl verlassen hat, nickt: „Am Ende machen nicht die Strukturen ein gutes Krankenhaus aus sondern die Menschen, die hier arbeiten." Die Schnupperwoche hat Spuren hinterlassen. Ob Manuel wirklich Arzt wird? Das weiß er noch nicht. Aber eines ist sicher: Diese Woche hat ihm mehr gezeigt als jeder Lehrbuchtext.
Praktika im Gesundheitswesen
FÜR OBERSCHÜLER/-INNEN
Oberschüler/-innen können derzeit aus Datenschutzbestimmungen kein Praktikum im ärztlichen oder nicht-ärztlichen Bereich des Südtiroler Sanitätsbetriebs absolvieren. Für Pflichtpraktika stehen jedoch folgende Einrichtungen zur Verfügung: Seniorenwohnheime, Weißes und Rotes Kreuz, Zivildienst, Ambulatorien der Allgemeinmediziner/-innen und Kinderärzte/-innen freier Wahl sowie Facharzt- oder Zahnarztpraxen.
Aufgrund der positiven Rückmeldungen zur Schnupperwoche ist geplant, dieses Projekt auch im nächsten Schuljahr fortzusetzen.
FÜR STUDIERENDE
Für Studierende der verschiedenen Gesundheitsberufe sind Praktika oder das klinisch-praktische Jahr essenziell. Der Südtiroler Sanitätsbetrieb bietet vielseitige Möglichkeiten, um theoretisches Wissen praktisch anzuwenden.
* Summer School: Einblick in den Sanitätsbetrieb, praxisnahe Übungen und Austausch mit Fachkräften
* Investment for the Future: Netzwerkveranstaltung für Studierende und Jungmediziner/-innen
* Inhouse-Kurse: Seit 2024 in verschiedenen Abteilungen mit Fokus auf vertiefte Ausbildung und Wissenstransfer
Weiter Informationen gibt es unter sabes.it/irts
kt
Bildergalerie
Dokumente zum Herunterladen
- Beim Schnuppern in den Gesundheitsberufen bekommen Oberschülerinnen und -schüler eine Vorstellung davon, was es heißt, im Gesundheitswesen zu arbeiten. (Foto: Fabio Brucculeri) » [IMG 3 MB]
- Sieht einfacher aus, als es ist: Manuel und Isabel helfen Lukas vom Krankenhausbett in den Rollstuhl und erproben dabei selbst die Rolle von Patient und Pflegekraft. (Foto: Fabio Brucculeri) » [IMG 6 MB]
- Physiotherapeutin Giulia Bertol bringt den Schülerinnen und Schülern ihren Beruf praktisch näher. (Foto: Fabio Brucculeri) » [IMG 4 MB]
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