Freude erwünscht
Seit fast genau einem Jahr hat Südtirol den Vorsitz der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino inne. nëus erklärt, welche Ziele die Euregio verfolgt, wie sie entstanden ist und wie sie arbeitet.
Da darf man schon mal jubeln! Es ist Samstagabend, 17. August. Bühne und Saal im Kongresszentrum im Tiroler Alpbach haben sich weitgehend geleert. Ein Grüppchen – ein Teil jenes Teams der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino, das hier die Euregio Days mit rund 17 Veranstaltungen betreut – steht noch zusammen. Monatelange Vorbereitungen vorbei, die ersten beiden Veranstaltungstage verliefen erfolgreich. Erleichterung und Lachen: Das nehmen sie spontan mit auf die nun freie Bühne und setzen es dort einfach für sich jubelnd in Szene (siehe Foto S. 6-7). Freude erlaubt!
Sie wissen genau: Geschafft haben sie das nur durch konsequente, tägliche Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg. Im Kleinen setzen sie also genau das um, was für die Euregio, diesen Verbund der Länder Tirol, Südtirol und Trentino im Großen gilt, wie Euregio-Generalsekretär Christoph von Ach erklärt: „Gemeinsam will die Euregio in all ihren Landesteilen einen doppelten Mehrwert schaffen: für ihre Bürgerinnen und Bürger wie für ihre Verwaltungen.“ Dafür sei es ständig nötig, größere und kleinere Grenzen zu überwinden: „Die Zusammenarbeit und Abstimmung auf allen Ebenen zwischen den drei Mitgliedsländern der Euregio ist eine Herausforderung, aber auch ein unverzichtbarer Teil unserer Arbeit. Nur wenn wir möglichst viele Menschen miteinander vernetzen und in Beziehung bringen, können wir erfolgreich sein.”
Diese Ziele vor Augen, gehört es für die Entscheidungsträgerinnen und -träger wie für die 24-köpfige, hauptamtliche Frau- und Mannschaft der Euregio zum Alltag, täglich Sprachbarrieren zu überwinden, unterschiedliche Kulturen, Geschichte, Gesetzeslagen, Verwaltungen, Arbeitsweisen zu berücksichtigen, unterschiedliche Standpunkte zu verstehen, Kompromisse zu finden und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.
Der Wille zu dieser grenzüberschreitenden Zusammenarbeit fußt zum einen auf der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte im ehemaligen Kronland Tirol. Gleichzeitig stehen die drei Alpenländer mit ähnlichen Gegebenheiten vor ähnlichen Aufgaben, von denen sie viele gemeinsam besser angehen können. Daher arbeiten die Länder schon seit vielen Jahrzehnten zusammen, konnten dies allerdings lange nur auf informeller Ebene tun. Eine rechtliche Grundlage fehlte, und die konnte nur auf EU-Ebene geschaffen werden.
Die historische Chance. Die Europäische Union war sich durchaus bewusst, dass es zur europäischen Integration und zu den Zielen des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts beiträgt, wenn Grenzgebiete enger zusammenarbeiten. Ergebnis dieser Überlegung war eine EU-Verordnung aus dem Jahr 2006. Sie ermöglichte, einen sogenannten Europäischen Verbund Territorialer Zusammenarbeit (EVTZ) zu gründen. Das Entscheidende daran: Nun konnten Länder und Regionen über Staatsgrenzen hinweg eine gemeinsame, eigene Rechtspersönlichkeit schaffen. In diesem institutionellen Rahmen konnten sie Projekte viel besser koordinieren und realisieren.
Die Gründung. Nördlich und südlich des Brenners war es keine Frage, ob, sondern lediglich, wie man diese Chance ergreifen wird. Nach den nötigen Vorarbeiten war es vor gut 13 Jahren soweit: Am 14. Juni 2011 haben die damaligen Landeshauptleute Günther Platter (Tirol), Luis Durnwalder (Südtirol) und Lorenzo Dellai (Trentino) auf Castel Thun im Trentino die Gründungsurkunde des gemeinsamen EVTZ unterzeichnet: Die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino“, kurz Euregio, war geboren.
Die Vision. Bereits das erste Statut spricht davon, dass „Strategien und Maßnahmen zur gemeinsamen Verwaltung und Entwicklung des Gebietes in Bereichen von gemeinsamem Interesse“ notwendig sind. Später hat die Euregio dieses Ziel ausformuliert. Ihre „Vision“ ist demnach, im Sinne eines „kleinen Europas in Europa die drei Landesteile zu vereinen und die Einheit in der Vielfalt zu leben (siehe Infobox auf S. 10). Vor allem in folgenden Bereichen will sie die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger kontinuierlich verbessern: Wirtschaft; Bildung, Forschung und Kultur; Soziales und Gesundheit; Umwelt; Mobilität und Verkehr; öffentliche Verwaltung sowie Zivilgesellschaft.
Die Projekte. Sofort nach Gründung begann man mit der Umsetzung. Ein erster Höhepunkt war das Euregio-Jugendfestival von 2012, gefolgt vom gemeinsamen Geschichtebuch oder der Euregio-Landkarte. Schritt für Schritt wurden die Angebote für die Bevölkerung ausgebaut. Heute sind es rund 60 Projekte pro Jahr. Herausragende „Meilensteine“ in der Geschichte der Euregio kann man auf deren Internetseite unter „Über uns“ finden. Zwei davon haben es auf die Titelseiten von nëus geschafft: Mit dem Euregio-Fest will die Euregio mit ihren Bürgerinnen und Bürgern die Einheit in der Vielfalt leben. So wie 2023 in Ala im Trentino, als das Sinfonische Blasorchester Musikkapelle Wilten aus Tirol als Gast durch die Straßen der Stadt marschierte und vor dem Rathaus Halt machte. Diesen Augenblick zeigt die italienische Titelseite dieser Ausgabe. Die deutsche Titelseite lenkt den Blick auf das Finale des EuregioSprintChampion 2023 in Innsbruck. Bei diesem Bewerb ermitteln Kinder und Jugendliche bis 13 Jahre im Zeichen grenzüberschreitender Freundschaft die besten Sprinterinnen und Sprinter der drei Länder (s. S. 31).
Die Entscheidungsträger. Sechs interregional-paritätisch besetzte Organe treffen in der Euregio die weitreichenden Entscheidungen: die Versammlung, der Vorstand mit der Präsidentin oder dem Präsident, das Generalsekretariat und das Kollegium der Rechnungsprüfer.
Die Versammlung legt die Leitlinien für die Verwirklichung der Ziele fest und genehmigt den Haushalt. Von den 15 Mitgliedern stellen die Landesregierungen die drei Landeshauptleute und je ein weiteres Mitglied. Aus den drei Landtagen kommen deren Präsidenten und jeweils zwei weitere Mitglieder. Damit verfügt die gesetzgebende Seite über eine Mehrheit gegenüber der geschäftsführenden Seite. Dies ist erst seit 2021 so, als die Euregio mit einer Reform den demokratischen Aufbau gestärkt und mehr Bürgernähe angestrebt hat.
Die drei Landeshauptleute bilden gemeinsam den Vorstand: Er beschließt das Arbeitsprogramm und alle laufenden Aufgaben der Euregio. Der Vorsitz im Vorstand und damit das Amt des Präsidenten oder der Präsidentin wechselt alle zwei Jahre zwischen den drei Landeshauptleuten.
Das Generalsekretariat unterstützt den Vorstand und Präsidenten bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten, setzt die Beschlüsse des Vorstands um und koordiniert die Aktivitäten der Euregio. Jedes Mitgliedsland stellt dort einen Vertreter oder eine Vertreterin. Das Mitglied des Vorsitzlandes ist automatisch Generalsekretärin oder Generalsekretär.
Schließlich prüft das Kollegium der Rechnungsprüfer und Rechnungsprüferinnen die finanzielle und wirtschaftliche Führung sowie die Vermögensangelegenheiten der Euregio.
Weitere Organe beraten den Vorstand, darunter die Fachvorstände – eine Art Vorstand für bestimmte Themenbereiche, meist bestehend aus den zuständigen Mitgliedern der Landesregierungen – und der Euregio-Rat der Gemeinden.
Grenzen überwinden. Seit Oktober 2023 und bis 30. September 2025 hat Südtirol den Vorsitz in der Euregio. Daher ist derzeit Landeshauptmann Arno Kompatscher Euregio-Präsident und Christoph von Ach Generalsekretär. Mit dem Motto „Grenzen überwinden“ füllt Südtirol eine Kernbotschaft der Euregio-Vision neu mit Leben. „Wir denken dabei nicht nur an die politischen oder sprachlichen Grenzen, sondern vor allem auch an die Grenzen in den Köpfen“, betont Präsident Kompatscher bei vielen gegebenen Anlässen. Von Ach sieht Südtirol diesbezüglich „als ein wichtiges Bindeglied – sprachlich, kulturell und geografisch. Die Euregio bietet für uns die Möglichkeit, die europäische Integration ‚von unten‘ zu forcieren und für die Bevölkerung sichtbar zu machen.“
Die Reform. Aufbauend auf zehn Jahre Erfahrung beschloss die Euregio 2021 ihre erste Reform, um auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren und sich auf die Herausforderungen und Innovationen der nächsten zehn Jahre vorzubereiten. Sie hatte vor allem das Ziel, die Bevölkerung, die Gemeinden und die gewählten Landtage noch stärker einzubeziehen.
Die Sitze. Ein wesentliches Element der Reform war nicht nur die Aufwertung der Versammlung und Einbeziehung der Gemeinden, sondern auch, dass in jedem Land ein operativer Sitz errichtet werden konnte. Neben dem Hauptsitz der Euregio in Bozen gibt es nun auch Informations- und Koordinierungsstellen in Innsbruck und in Trient. Alle Sitze sind nicht nur Arbeitsplatz für die Euregio-Mitarbeitenden, sondern Begegnungsort und Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger sowie Treffpunkt für Fachabteilungen und Partnerorganisationen. Veranstaltungen wie der Euregio-Kulturdonnerstag in Bozen, der Euregio-Dienstag mit Vorstellungen von Euregio-Initiativen und die interaktive Euregio-Ausstellung in Innsbruck stärken diese Rolle.
Social Media und Website. Bürgernähe im digitalen Zeitalter wäre ohne Auftritt in den Sozialen Netzwerken undenkbar. Fast täglich informiert die Euregio ihre Follower auf Facebook, Instagram und YouTube (siehe QR-Codes). Wer sein Wissen vertiefen möchte, tut dies auf der Website europaregion.info.
Das gemeinsame Vertretungsbüro der Euregio in Brüssel ist wie ein Außenposten im Herzen der EU-Hauptstadt. Es vertritt die Interessen der drei Länder bei den EU-Institutionen und bringt gemeinsame Anliegen der Europaregion voran. Die Vertretung fördert Projekte aus ihren Regionen und schafft Raum für Diskussionen mit anderen Europäischen Regionen.
Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Bühne beim Europäischen Forum im Tiroler Bergdorf Alpbach bis zur Vertretung mitten im Machtzentrum der Europäischen Union in Brüssel: Die Euregio steht in einem großen Rahmen, in dem sie doch nur erfolgreich ist, wenn sich viele einzelne Menschen dafür begeistern, gemeinsam mehr zu erreichen.
Freude erwünscht!
gst
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