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Gesundheit individuell gesehen

22.12.2025

Wenn Medizin Unterschiede macht: Südtirol setzt immer mehr auf eine geschlechterspezifische Medizin, um eine gerechtere und wirksame Behandlung für möglichst viele Menschen zu ermöglichen.

Insgesamt 1570 Herzbehandlungen bei Männern und 677 bei Frauen macht die Abteilung Kardiologie am Krankenhaus Bozen pro Jahr. (Foto: Tiberio Sorvillo)
Insgesamt 1570 Herzbehandlungen bei Männern und 677 bei Frauen macht die Abteilung Kardiologie am Krankenhaus Bozen pro Jahr. (Foto: Tiberio Sorvillo)

Niemand hat es erkannt. Seit Tagen musste Anna Kofler*, 52, nach Atem ringen, ihr war übel und ständig war sie völlig erschöpft. Kein Brustschmerz, kein klassisches Warnsignal. Erst als sie in der Notaufnahme zusammenbrach, wurde klar, was los war: Herzinfarkt! Dann musste alles sehr schnell gehen.

Solche Situationen sind kein Einzelfall. Frauen zeigen oft andere Symptome als Männer und werden deshalb später oder falsch diagnostiziert. Genau hier setzt die geschlechterspezifische Medizin, auch Gendermedizin genannt, an: Sie fragt, wie sich Geschlecht, Hormone, Lebensstil und Umwelt auf Krankheiten und Therapien auswirken und soll dafür sorgen, dass Medizin gerechter wird.

Warum Unterschiede zählen. „Es geht nicht um Medizin nur für Frauen“, stellt Cecilia Stefanelli, die Gendermedizin-Beauftragte des Landes klar. „Vielmehr geht es darum, biologische Unterschiede angemessen zu berücksichtigen“, sagt Stefanelli. Und fügt gleich hinzu: „Wussten Sie zum Beispiel, dass auch Männer an Brustkrebs erkranken können?“ Eben weil dies eher selten der Fall sei, gebe es keine so engmaschige Prävention wie bei Frauen, und die Krankheit würde dann oft erst erkannt, wenn es schon zu spät sei, erklärt Stefanelli.

„Personalisierte Medizin ist wichtig“, sagt auch Rosmarie Oberhammer, die Gendermedizin-Beauftragte im Südtiroler Sanitätsbetrieb. Dazu gibt es jede Menge Beispiele. „Osteoporose, Diabetes, Alzheimer, Parkinson, Rheuma, Hashimoto…“, zählen Stefanelli und Oberhammer auf. Schnell wird klar: „One size fits all“ (die gleiche Einheit passt für alle) funktioniert in der Medizin nicht. Mit dem Ziel, eine gerechtere, individuellere und wirksame Behandlung für möglichst viele Menschen zu ermöglichen, setzt Südtirol deshalb auf geschlechterspezifische Medizin. Die Südtiroler Landesregierung hat auf der Basis des italienischen Gesetzes zur Verbreitung der Gendermedizin im Nationalen Gesundheitswesen von 2018 im Vorjahr einen Plan zur Umsetzung der Gendermedizin beschlossen.

„Gesundheit ist nicht neutral. Männer und Frauen zeigen unterschiedliche Symptome bei denselben Erkrankungen. Es ist elementar, dass wir diesbei der Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Rehabilitation von Krankheiten wissen und berücksichtigen. Geschlechterspezifische Medizin bedeutet einen gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle“, ist der Landesrat für Gesundheitsvorsorge und Gesundheit Hubert Messner überzeugt. Dies sei nicht von heute auf morgen möglich, aber der Prozess sei im Laufen, sagt Messner. Allein das Erstellen eines neuen klinischen Pfades brauche in etwa ein Jahr und involviere Mitarbeitende in Medizin, Pflege, Therapie, Sozialwesen, Pharmazie, Verwaltung und noch mehr.

Der Plan für Südtirol. Seit 2018 besteht die technische Arbeitsgruppe „Gender Health - Gender Medicine“. Die Koordination liegt bei der landesweiten Beauftragten für Gendermedizin, die im Landesamt für Personal, Bildung und Beiträge im Gesundheitswesen angesiedelt ist. Zu den wichtigsten Zielen zählen Bildungsangebote für die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen und die Förderung der Forschung in diesem Bereich.
Und natürlich sollen auch die Bürgerinnen und Bürger lernen, Symptome richtig zu deuten und Vorsorgeangebote zu nutzen. Unter dem Motto „Gesundheit ist individuell. Symptome auch. Höre darauf!“ läuft daher in diesen Wochen die erste Kampagne zur Bewusstseinsbildung für genderspezifische Medizin. Anhand von Beispielen zeigt sie auf, wie Krankheiten bei Mann und Frau unterschiedliche Symptome hervorrufen können und auch unterschiedliche Behandlung erfordern und verweist auf eine eigens eingerichtete Webseite mit Details, virtueller Bibliothek und Newsletter-Abo.

Wissen, das heilt. „In Zukunft soll das Wissen um Unterschiede noch selbstverständlicher Teil jeder Diagnose und Therapie sein“, erklärt Rosmarie Oberhammer. Gerade deshalb komme der Fort- und Weiterbildung der im Gesundheitsbereich Arbeitenden eine große Bedeutung zu, sagt Cecilia Stefanelli. Schon jetzt werden für das ärztliche Personal, Pflegende und Studierende Fortbildungen angeboten, um zu lernen, wie unterschiedlich Frauen und Männer auf Krankheiten reagieren. Denn das biologische Geschlecht, Sexualhormone, genetisches Erbgut, aber auch Lebensstil, Bildung, Arbeit, gesellschaftliche Stereotype und die Art der Sozialisierung in der Gemeinschaft beeinflusse Gesundheit, sagt Stefanelli. Es gehe nicht nur darum, Vorträge zur geschlechterspezifischen Gesundheit anzubieten, sondern vielmehr darum, dieses Wissen in alle Fortbildungen miteinzubauen, sagt Oberhammer.

Der Plan des Landes will dieses Wissen überall verankern: nicht nur in der Ausbildung, in den Krankenhäusern und in der Forschung, sondern auch in der Gesellschaft. „Wir bieten Informationsveranstaltungen vor allem auch für Schulen, Gemeinden und Organisationen und Vereine an“, sagt Stefanelli. So erklären beispielsweise Fachleute bei 90-minütigen Infoveranstaltungen an den Oberschulen den Jugendlichen, welche die typischen Krankheiten sind, bei denen es Unterschiede gibt. Dabei werden etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Immunerkrankungen und auch Depression thematisiert. Aber auch auf Schmerz oder Medikamente im Allgemeinen wird eingegangen. Die Jugendlichen lernen, dass Frauen zwar häufiger unter Depression leiden, das Suizidrisiko bei Männern aber höher ist. Frauen sind bei Depression eher traurig, ängstlich oder antriebslos und holen sich öfters Hilfe, während Männer reizbarer und aggressiver sind oder riskantes Verhalten zeigen und weniger oft Hilfe hinzuziehen. Auch Schmerz, so wird den Jugendlichen aufgezeigt, wird von Männern und Frauen unterschiedlich verarbeitet. So wird Schmerz von Frauen intensiver empfunden, aber besser bewältigt. Männer hingegen erinnern sich länger und stärker an Schmerzereignisse, was sich auch auf Stimmung und Verhalten auswirkt. „Ebenso können Medikamente anders anschlagen. So wirken beispielsweise bestimmte Schlafmittel bei Frauen länger nach als bei Männern oder Frauen benötigen andere blutdrucksenkende Mittel als Männer“, erklärt Oberhammer und verweist darauf, dass die meisten Medikamente für den Typ „Weißer Mann und 70 bis 75 Kilogramm Normalgewicht“ konzipiert sind.

Gemeinsam forschen, besser behandeln. Um die Bildungsangebote, aber vor allem auch die Forschung breit aufzustellen, arbeiten Ärztinnen und Ärzte, Forschende, Pflegekräfte und auch Bildungseinrichtungen eng zusammen, um unterschiedliche Krankheitsverläufe und Prognosen genauer zu beleuchten. Am Universitären Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe Claudiana und an der Freien Universität Bozen werden neue Lehrinhalte entwickelt, und in den Krankenhäusern entstehen erste Projekte, die den Unterschied in der Praxis sichtbar machen. Die Gendermedizin ist allerdings mehr als ein Forschungsthema, denn sie verändert, wie Medizin gedacht und gemacht wird. In Zukunft solle dieses Wissen um Unterschiede selbstverständlicher Teil jeder Diagnose und Therapie sein, sagen Stefanelli und Oberhammer. Ein wichtiges Ziel des Südtiroler Plans ist es deshalb auch, personalisierte klinische Pfade zu entwickeln, die geschlechterspezifische Unterschiede in Prävention, Diagnose, Behandlung und Rehabilitation gewährleisten.

Insgesamt seien die Bemühungen im Bereich geschlechterspezifische Medizin in Italien im Vergleich mit anderen Ländern schon fortgeschritten, berichtet Oberhammer. Auch für Personen, die sich keinem Geschlecht zuweisen können, gebe es eigene kleine Arbeitsgruppen. Vor allem, was die Datensammlungen zu den Häufigkeiten von Unterschieden bei Krankheiten betreffe, habe sich in Italien schon viel getan, sagt Oberhammer.

Heilen bedeutet Verstehen. Dass es gerade bei Herzinfarkt und Schlaganfall, die übrigens die häufigsten Todesursachen bei Frauen sind, Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, weiß inzwischen auch Patientin Anna Kofler*. Während bei Männern starker Brustdruck, ausstrahlende Schmerzen, kalter Schweiß, Atemnot und Schwindel auf solche Erkrankungen hindeuten, sind es bei Frauen Atemnot, Übelkeit, Schmerzen im Oberbauch oder in der Brust, in den Armen und im Nacken sowie ungewöhnliche Erschöpfung. Nach dem Herzinfarkt hat sich Anna dank der Behandlung im Krankenhaus gut erholt. Und auch bei der Nachsorge bekommt sie nun eine für Frauen angepasste Therapie mit Medikamenten.  (*Name geändert)

Alle Infos zur genderspezifischen Medizin in Südtirol


Rosmarie Oberhammer, Beauftragte für Gendermedizin im Südtiroler Sanitätsbetrieb

Wie zeigt sich geschlechterspezifische Medizin heute schon im Krankenhaus?
Einige Fachgesellschaften haben geschlechterspezifische Aspekte in ihre Diagnosekriterien und Be-handlungsempfehlungen aufgenommen. Bei Frauen mit akutem Herzinfarkt sind für die Diagnose geringere EKG-Veränderungen und niedrigere Schwellenwerte für herzspezifische Laborwerte nötig. Dies berücksichtigt die geringere Herzmasse von Frauen. Das weibliche Geschlecht wird bei der Einschätzung von Übelkeit und Erbrechen nach Allgemeinanästhesien als Risikofaktor betrachtet, weshalb Frauen häufiger vorbeugende Medikamente erhalten.

Was kann bei personalisierter Medizin noch helfen, um die Behandlung zu verbessern?
Neben dem Geschlecht müssen auch biologische Faktoren wie Gewicht, Alter und Haarfarbe sowie soziokulturelle Faktoren berücksichtigt werden. Personen mit natürlicher roter Haarfarbe haben oft ein verändertes Schmerzempfinden. Pharmakogenetische Profile können Personen identifizieren, bei denen bestimmte Medikamente keine oder übermäßige Wirkung zeigen. Dieses Wissen ermöglicht eine gezielte Medikamentenwahl.

Sind Frauen oder Männer schmerzempfindlicher?
Frauen zeigen bei vielen Schmerzreizen schneller und stärkere Schmerzen, was entwicklungsgeschichtlich vorteilhaft gewesen sein könnte. Männer profitierten möglicherweise davon, Schmerzen weniger schnell wahrzunehmen, um schneller vor Raubtieren fliehen zu können. Frauen haben allgemein häufiger Schmerzen, können aber besser damit umgehen. Gegen Ende der Schwangerschaft werden Mechanismen aktiviert, die das Schmerzempfinden senken. Schmerzen werden bei Frauen und Männern unterschiedlich beeinflusst, und bestimmte Schmerzmittel sind bei Frauen weniger wirksam.


Cecilia Stefanelli, Gendermedizin-Beauftragte des Landes Südtirol

Was ist der wichtigste Schritt, um geschlechterspezifische Medizin in Südtirol zu verankern?
Wir müssen bei der Ausbildung ansetzen: Nicht nur die künftige Ärzteschaft muss gezielt geschult werden, sondern auch das der-zeitige Gesundheitspersonal. Die geschlechterspezifische Medizin ist keine neue Disziplin. Alle medizinischen, pflegerischen und gesundheitlichen Fachbereiche müssen aus einer Gender-Perspektive gedacht werden, weil Frauen und Männer, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderungen sowie LGBTQAI+-Personen unterschiedliche Bedürfnisse haben, die zu berücksichtigen sind. Zudem müssen wir mit der Forschung starten. In klinischen Studien sind Frauen oft unterrepräsentiert. Trotzdem werden die Medikamente später von allen verwendet. Das kann zu unerwarteten Nebenwirkungen und einer geringeren Wirksamkeit der Behandlungen führen.

Wie wird das Gesundheitspersonal für die „Medizin der Unterschiede“ sensibilisiert?
Ich arbeite eng mit dem Südtiroler Sanitätsbetrieb, den Berufsverbänden sowie den Anbietern für medizinische Fortbildung zusammen, um die geschlechterspezifische Medizin bekannt zu machen.

Wo sehen Sie im Alltag noch die größten Hürden?
Oft besteht der Irrglaube, dass geschlechterspezifische Medizin nur Frauen betrifft. In Wirklichkeit geht es um alle Menschen.

san

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