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Heilende Schule

09.12.2024

In fünf Südtiroler Krankenhäusern können Kinder bei kürzeren oder längeren Aufenthalten die Krankenhausschule besuchen. Und erleben dabei ein Stück Alltag, der ihren Heilungsprozess unterstützt.

Anja Goller unterrichtet seit neun Jahren in der Krankenhausschule in Brixen. Ihr Berufsalltag sei manchmal 
schwierig, doch erfüllend. Denn mit Demut, Flexibilität und Vorbereitung lasse sich vieles meistern. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)
Anja Goller unterrichtet seit neun Jahren in der Krankenhausschule in Brixen. Ihr Berufsalltag sei manchmal schwierig, doch erfüllend. Denn mit Demut, Flexibilität und Vorbereitung lasse sich vieles meistern. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)

Der Schulalltag gibt Kindern und Jugendlichen Stabilität und Halt: Vor allem, wenn sie mit komplexen gesundheitlichen Herausforderungen zu kämpfen haben. In den Krankenhausschulen wird ein stabiles, sicheres, alltägliches Umfeld geschaffen. Sie begleiten Schülerinnen und Schüler von drei bis 18 Jahren, in allen Schulstufen. 

Hoffnung und Alltag. Krankenhausschulen gibt es in fünf Südtiroler Krankenhäusern: In Bozen betreuen vier Lehrkräfte Kinder und Jugendliche in der Kinderonkologie, in Brixen unterrichten zwei Lehrkräfte Patientinnen und Patienten mit Essstörungen, drei Lehrkräfte in Meran begleiten Kinder und Jugendliche in der Pädiatrie und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine Lehrkraft ist am Krankenhaus in Bruneck tätig. Ihre Aufgabe ist es, Schülerinnen und Schüler, die unterschiedlich lange (von einem Tag bis hin zu mehreren Monaten) stationär aufgenommen sind, zu unterrichten. 

Es geht dabei um Lerninhalte, aber auch darum, Hoffnung, Gelassenheit und Zuversicht zu vermitteln. Eine besondere Erfahrung, auch für die Lehrkräfte, die ihrem Job mit Leidenschaft, Demut und jeder Menge Vorbereitung nachkommen. „Man darf keine Angst davor haben, etwas nicht zu wissen“, sagt Anja Goller, seit neun Jahren Krankenhauslehrerin in Brixen. „Wir unterrichten alle Fächer, da kann man nicht alles wissen. Auch wir machen Fehler. Im Vorjahr habe ich insgesamt 465 Schülerinnen und Schüler aller Alters- und Schulstufen unterrichtet“, berichtet Goller und ergänzt: „Manchmal muss man ehrlich sein und zugeben, dass man selbst etwas lernen muss, um es dann weitergeben zu können. Das erfordert Demut und Flexibilität, bringt aber Genugtuung und Zufriedenheit.“ 

Eine Schule außerhalb der Schule. Ihre Ursprünge hat die Südtiroler Krankenhausschule in den 1950ern, damals erfolgte der Unterricht auf freiwilliger Basis. Seit über 20 Jahren gibt es ein Einvernehmensprotokoll zwischen dem Südtiroler Sanitätsbetrieb und den einzelnen Schulsprengeln. Im Mai 2024 wurde eine zentrale Neuregelung beschlossen. Dabei wurde eine Steuerungsgruppe mit Vertretungen der drei Bildungsdirektionen und einer Krankenhauslehrperson eingesetzt. Derzeit steht Inspektor Christian Alber der Steuerungsgruppe vor, der Vorsitz rotiert zwischen den Bildungsdirektionen. Zentral organisiert wird vor allem die dreijährige Ausbildung, meist in Österreich. Dabei handelt es sich um eine Spezialisierung, die vor allem die zwischenmenschliche Komponente des Berufs stärkt. 

„Eine einheitliche Organisation ist für uns wichtig“, erklärt Maddalena Valdemarin, die, ebenso wie Anja Goller, in Brixen tätig ist. „Wir arbeiten gemeinsam an Problemen und wie wir damit umgehen. Wir ‚Übergangslehrer‘ können uns somit zusammenschließen und effizienter arbeiten.“ 

Dasein lautet die Devise. Wenn eine schlechte, ja lebensbedrohliche Diagnose gestellt wird, zerbricht die bisherige Welt. Schule kann dabei helfen, sich wieder zu fangen. Und zu heilen. Denn (auch) für kleine Patientinnen und Patienten ist der Alltag wichtig. Dies weiß man in den Krankenhausabteilungen nur zu gut. Und gibt darum alles, um ein zweites Zuhause zu werden. 

 „Wenn ich morgens in die Abteilung komme, muss ich mit allen Eventualitäten rechnen“, erzählt Lehrerin Anja. „Ich weiß nicht genau, wer da ist. Darum bringe ich einfach Unterrichtsmaterial mit, das für alle Alters- und Schulstufen und für alle Sprachen passt.“ Derzeit begleite sie unter anderem drei Mädchen auf der Langzeitstation für Essstörungen. Durch das gemeinsame Arbeiten wachse man zusammen, unabhängig davon, dass die drei unterschiedlichen Sprachgruppen angehören. 

Das Ziel ist der Wiedereinstieg in den Schulalltag. Sobald es der Gesundheitszustand zulässt, ist der Schulbesuch im Krankenhaus vorgesehen. Denn der Krankenhausunterricht zählt als Schultag. Und wer zu lange vom Unterricht fernbleibt, riskiert das Schuljahr nachholen zu müssen. Die Unterrichtstätigkeit wird auf die Dauer des Aufenthalts abgestimmt: Manchmal sind es wenige Tage, manchmal auch zwei oder drei Monate. 

„Wenn wir wissen, dass eine Schülerin für längere Zeit bei uns ist, sprechen wir uns mit den Lehrkräften der Herkunftsschule ab und übernehmen das Programm der jeweiligen Klasse“, berichtet Valdemarin. Man halte sich so gut es geht an den dortigen Lehrplan, damit die Mädchen und Buben den Anschluss an die Lerninhalte in den einzelnen Fächern halten. „Es geht uns darum, dass sie danach wieder gleichberechtigt in den Schulalltag einsteigen können“, führt die Lehrerin aus. 

Bei Kurzaufenthalten wird den Patientinnen und Patienten ein unterhaltsames, aber lehrreiches Programm geboten. Vielfach handelt es sich dabei um Materialien, die selbstständig erarbeitet werden. „Unsere Schülerinnen und Schüler bleiben oft in ihren Zimmern, manchmal dürfen sie die Abteilung nicht verlassen. Wir haben jedoch auch einen voll ausgestatteten Klassenraum, gleich neben der Pädiatrie. Zudem gibt es in den Abteilungen Räumlichkeiten, die wir nutzen können. Und natürlich gibt es auch den Unterricht im Krankenzimmer, wenn es nicht anders geht“, berichtet Lehrerin Anja. 

Für ein gemeinsames Ziel arbeiten. Vielfach gehe es darum, die Kinder glücklich und unbeschwert zu erleben, wenngleich auch nur für einen Moment. Dies mache die Arbeit sinnvoll, wertvoll und wichtig, sind die beiden Lehrerinnen überzeugt. Man könne mit Worten heilen und den Heilungsprozess unterstützen. 

Wenn ein Kind aus dem Krankenhaus entlassen wird, informieren die Lehrkräfte der Krankenhausschule die Herkunftsschule über den Lernfortschritt. Manchmal müssen sich Schülerinnen und Schüler daheim noch vollständig auskurieren. Die Herkunftsschule organisiert in diesem Fall den Heim-Unterricht, meist über Formen des Fernunterrichts. In der Krankenhausschule kann auch der Schulabschluss gemacht werden: „Fast jedes Jahr organisieren wir Mittelschulabschlussprüfungen. Die schriftlichen Tests werden uns von den Schulen übermittelt, die mündliche Prüfung wird online abgehalten. Bis jetzt mussten wir niemanden dazu zwingen, bei uns die Prüfung abzulegen“, erzählt Anja Goller und Kollegin Maddalena Valdemarin ergänzt: „Die meisten Schüler sind glücklich, auch wenn die Situation herausfordernd ist. Schule tut ihnen gut, Schule ist Teil des Heilungsprozesses.“

an - ck

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