Lebenswelten im Blick
Das ASTAT hat vor Kurzem den neuen Gender-Bericht 2022 veröffentlicht. Die Zahlen zeigen: Um eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, bleibt noch viel zu tun.
Als Claudia Goldin im Oktober den Wirtschaftsnobelpreis 2023 zugesprochen bekam, war vor allem bei jenen, die sich mit Geschlechterfragen beschäftigen, die Freude groß. Denn Goldin ist nicht nur eine der wenigen Frauen, die es bisher in die Reihe der Preistragenden der Wirtschaftswissenschaften geschafft hat (2009 wurde mit Elinor Ostrom die erste Nobelpreisträgerin im Bereich Wirtschaftswissenschaften geehrt, 2019 folgte Esther Duflo). Die US-amerikanische Harvard-Professorin für Volkswirtschaftslehre wird explizit für die „Aufdeckung der wichtigsten Ursachen für geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt“ geehrt, begründet die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften Stockholm die Preisvergabe an Goldin. In ihrer Forschung beschäftigt sich Goldin mit dem Einkommen und der Teilhabe von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, und das über Jahrhunderte hinweg. Es geht um Ursachen des Wandels, aber auch um jene des bestehenden Gender Gaps. Mit Goldins Auszeichnung rückte (zumindest kurzzeitig) ein Thema in den Fokus, das die Mehrheit der Südtiroler Gesellschaft tagtäglich spürt – oder spüren könnte.
Der Gap: Die Lücke. Denn auch in Südtirol gibt es ihn, den Gender Pay Gap. Sprich: Den Umstand, dass Frauen bei gleicher oder vergleichbarer Qualifizierung und Verantwortungsposition, weniger verdienen als männliche Kollegen. Daten dazu liefert unter anderem der Gender-Bericht 2022, der vom Landesinstitut für Statistik im Herbst 2023 herausgegeben wurde. Im Kapitel „Entlohnungen und Renten“ finden sich Grafiken zur durchschnittlichen Tagesentlohnung (Frauen verdienen im öffentlichen Dienst durchschnittlich 16,4 Prozent, in der Privatwirtschaft 16,5 Prozent weniger als Männer) und Tabellen mit Details nach Sektoren und Alter. Was die Rentenbezüge angeht, erfährt man, dass eine Rentnerin in Südtirol im Durchschnitt 31,4 Prozent weniger Pension bezieht als ein Rentner. Der Gender Pension Gap ist damit um einiges höher als der Gender Pay Gap. Tage wie den „Equal Pension Day“, wie er Ende Oktober 2023 zum neunten Mal von Pensplan Centrum AG zusammen mit der Stiftung Südtiroler Sparkasse organisiert wurde, wird es folglich auch noch in Zukunft brauchen, um Frauen (aber auch Männer) fürs Thema zu sensibilisieren. Und auch in Sachen Einkommen wird weiterhin der Sensibilisierungstag „Equal Pay Day“ gefragt sein, den der Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen und das Frauenbüro des Landes gemeinsam mit zahlreichen (Frauen-)Organisationen seit dem Jahr 2010 jeweils im Frühjahr organisieren, um auf das geschlechtsspezifische Lohngefälle hinzuweisen.
Wie entsteht die Lücke? Eng mit Einkommen und Renten verbunden sind der Arbeitsmarkt und der Bereich Bildung und Ausbildung. Auch dazu finden sich umfassende Daten im Gender-Bericht 2022. So gibt es auch in Südtirol mehr Akademikerinnen als Akademiker, bei der Erwerbstätigkeit hingegen liegen die Männer mit 79 Prozent vor den Frauen mit 69 Prozent. Wenngleich die Differenz zwischen den Geschlechtern in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist und Südtirols Frauenerwerbstätigkeit im europäischen Durchschnitt liegt, macht der Unterschied immer noch 10 Prozent aus. Im Detail betrachtet bestätigen sich weitere Klischees: Frauen sind weniger oft selbstständig tätig als Männer, trotz höherem Bildungsgrad bekleiden mehr Männer Spitzenpositionen, dafür sind Frauen führend, wenn es um Teilzeitbeschäftigung geht (42 Prozent im Gegensatz zu 8,5 Prozent).
Erziehung und Hausarbeit sind weiblich. Um diese Werte besser zu verstehen oder interpretieren zu können, lohnt sich ein Blick in das Kapitel Familie. „Es scheint, als wären die Klischees zu den Geschlechterrollen in der Familie überholt. […] Dennoch ist die überwiegende Mehrheit der Befragten der Meinung, dass die Mütter aufgrund ihrer Kinder ihre Arbeitstätigkeit einschränken sollten“, lautet eines der Resümees, nachzulesen in der Presseinfo des Landesinstituts für Statistik zum Gender-Bericht 2022. Nicht nur die Kindererziehung, sondern auch die Hausarbeit ist im Jahr 2022 immer noch überwiegend weiblich: 23 Prozent der Frauen geben an, mehr als 30 Stunden in der Woche für Hausarbeit zu verwenden – bei den Männern wird dieser Wert von gerade einmal 4 Prozent der Befragten angegeben.
Daten liefert der Gender-Bericht zudem über die Bereiche Demografie, Gendermedizin, Tägliches Leben, Mobilität sowie die Betreuten in Sozialeinrichtungen. Ein Blick in diese 180 Seiten umfassende Veröffentlichung des Landesinstitutes für Statistik lohnt sich allemal.
ck
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