Umsteigen bitte!
2035 bleibt das Auto öfters stehen. Doppelt so viele Menschen wie heute fahren mit Zug, Bus und Rad oder gehen zu Fuß. Umsteigen wird leichter. Dafür stellt der SüdtirolPlan für die Mobilität die Weichen.
Mobilitätszentrum am Brixner Bahnhof, 16.30 Uhr: Es ist ordentlich was los. Pendlerinnen und Pendler, Schülerinnen und Schüler eilen zu Zug, Bus und Fahrrad. Andere packen den Elektroroller in den Rucksack oder parken den Scooter aus. Vor dem Zugbahnhof treffen sich Alessandro, Elisabeth und Riccardo. „Der SüdtirolPass ist super, man kann einfach in Bus oder Zug einsteigen und los geht’s“, sagt Elisabeth. Noch mehr Direktzüge ins Vinschgau und Pustertal wären fein, meint Alessandro. Für lange Strecken sei die Bahn aber praktisch und für kürzere der Bus oder das Rad, sagt Riccardo. Ein Auto bräuchten sie eigentlich nicht, sind sich die Jugendlichen einig. Sehr viele Menschen in Südtirol allerdings nutzen das Auto als bequemes Mobilitätsmittel. Schließlich kann nicht in jeden kleinen Weiler ein Bus fahren. Auf 1000 Einwohner kommen laut Eurostat-Daten 871 Autos. Damit rangiert Südtirol im europaweiten Vergleich im Spitzenfeld. An einem Tag im Oktober 2021 haben Fachleute die Autobewegungen in Südtirol gemessen: 11,35 Millionen Kilometer kamen dabei heraus – dreimal die Strecke von der Erde zum Mond.
Mobilität in Südtirol wird sich ändern. Der Gegensatz zwischen den drei Jugendlichen und dem weit verbreiteten Verhalten zeigt, wohin der Trend geht. Die Mobilität in Südtirol wird sich ändern, ist sich Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider sicher und fügt hinzu: „Wenn es ums Umsteigen geht, spielt jeder und jede eine zentrale Rolle!“ Den Weg für die nächsten Jahre gibt der neue „SüdtirolPlan für die Mobilität“ vor.
Sieben große Meilensteine will das Land dabei erreichen. Der Plan fasst erstmals alle Maßnahmen für alle Mobilitätsbereiche in einem einzigen Dokument zusammen. Nur so – und wenn Land, Bezirksgemeinschaften und Gemeinden an einem Strang ziehen, wird nachhaltige Mobilität schaffbar, sagt Mobilitätsplaner Stefano Ciurnelli.
1. Mehr vernetzte Bahn- und Busdienste mit noch mehr Fahrten standen jedenfalls ganz oben auf der Wunschliste jener 5500 Menschen, die an der Umfrage vor der Erstellung des SüdtirolPlan 2022 mitgemacht haben. Politiker und Experten sehen das größte Potential bei der Verlagerung von Verkehr auf die Bahn. Gleich danach kommt das Rad als Fahrzeug für kurze Wege. In keine andere Mobilitätsinfrastruktur investiert das Land derzeit und in den kommenden Jahren so viel wie in die Schiene. Bis 2026 sollen die Fahrgäste von Mals über Meran, Bozen, Brixen und Bruneck bis nach Lienz oder Innsbruck ohne Umsteigen durchfahren können. Sobald der Brennerbasistunnel und die Zulaufstrecken fertig sind, werden die Schienen der Bestandsstrecke für den Regionalverkehr mit dem Zug frei. Mit dem Ausbau der Bahn auf der Strecke Meran-Bozen und in mehreren Abschnitten im Pustertal bis 2035 soll die Nutzung der Eisenbahn um 150 Prozent erhöht werden. Dann können Fahrgäste in nur einer Stunde von Schlanders oder Bruneck nach Bozen oder von Innichen nach Brixen fahren. Damit wird der Zug mehr als nur konkurrenzfähig zum Auto. „2035 werden längere Züge, mit mehr Platz für die Fahrgäste bei gleichen Betriebskosten fahren“, kündigt Landesrat Alfreider an. 15 solche neuen Züge will das Land bis 2026 aufgleisen. Auch Busfahren soll attraktiver werden. Mehrere Schnellbuslinien sollen zum Umstieg auf den Bus einladen. Ein Netz mit vielen kleinen Mobilitätszentren im ländlichen Gebiet soll die Umsteigemöglichkeiten zu weniger zugänglichen Gebieten vervielfachen. Insgesamt kann sich die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs 1 Plan, 7 Ziele bis 2035 verdreifachen, wenn alle mitmachen, ist auch Ressortchef Martin Vallazza überzeugt.
2. Das Rad wird zum Mittel der Wahl. Noch nie wurde so viel Geld in die Radmobilität gesteckt wie 2023. Waren es bisher noch rund 7 Millionen Euro pro Jahr, so sind es nun 27 Millionen Euro. „Für die Fahrräder braucht es nicht nur Wege, sondern auch sichere Abstellplätze, um auf andere Mobilitätsmittel umsteigen zu können“, sagt der Mobilitätsplaner Stefano Ciurnelli. 30 Prozent der Autobewegungen werden aktuell auf einer Strecke von unter zehn Kilometern gemacht, gerade hin zu den Ballungszentren, eine Strecke, die genauso gut mit dem Rad gefahren werden könnte, meint der Fachmann.
3. Neue Straßentrassen sieht der Plan nicht vor. Parkplätze aber schon – allerdings für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel. Bei den Straßen stehen künftig Sicherheit, Kompatibilität mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und multimodales Fahren wie etwa das Anlegen von Radspuren im Fokus, betont Tiefbauabteilungsdirektor Umberto Simone. Umfahrungen würden nach wie vor gebraucht. Allerdings mit einer neuen strengen Regel: „Wenn eine Umfahrung gebaut wird, muss die alte Straße zurückgebaut und für Radfahrer oder Fußgänger neu gestaltet werden“, erklärt der Tiefbaudirektor. Die bestehenden Straßen werden weiter gebraucht und sollen durch kluge Eingriff e resilient bleiben, damit Wetter und Verkehr ihnen nichts anhaben können. Bis 2050 ist die Zahl der Verkehrstoten auf null zu senken, gibt die EU vor. Neuralgische Stellen, beispielsweise an Kreuzungspunkten auf den Hauptverkehrsachsen oder in den Orten, müssen entschärft werden.
4. Sanftes Er-Fahren sieht der SüdtirolPlan für die Mobilität für sensible Gebiete wie die Dolomiten oder auch die Pässe vor. Ins Auge gefasst werden dazu Verbesserungen für Radfahrer und mehr öffentliche Verkehrsmittel. Indem Verkehrsströme besser gelenkt und Zugänge begrenzt werden, soll viel Verkehr erst gar nicht entstehen. Dafür wird die passende Technologie ständig weiterentwickelt.
5. Ganz einfach von A nach B mit ein paar Mal Umsteigen: Ein Stück zu Fuß, ein Stück mit dem Bus, ein Stück mit dem Zug und ein Stück mit dem Rad – das Kombinieren von Mobilitätsmitteln für einen Weg soll leicht und bequem sein und so zur Gewohnheit werden! Beitragen sollen dazu Mobilitätshubs, kleine gut gerüstete Knotenpunkte, und die Mobilitätszentren wie in Brixen und Bruneck sowie künftig in Meran und Innichen.
6. Fahrzeiten in Echtzeit, Zahlen im Vorbeigehen, mehrere Dienste oder Mobilitätspakete am Smartphone buchen: Die Digitalisierung wird solche Dienste für Fahrgäste und somit den Zugang zu Mobilität insgesamt künftig noch einfacher machen, ein besseres Verkehrsmanagement inklusive. „Die digitale Infrastruktur ist der neue Beton“, betont Bereichsleiter Information Systems in der STA, Patrick Dejaco. 2023 sollen mehr als 700 Busse mit einem Ticketing- und Echtzeit-System ausgestattet werden.
7. Die länderverbindende Brennerachse soll zum Brenner Digital Green Corridor werden, und zwar möglichst unterirdisch, um die Orte weniger zu belasten. Auch dafür gibt es im SüdtirolPlan für die Mobilität Vorgaben. Im Mittelpunkt steht dabei die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene durch den Brennerbasistunnel (BBT), emissionsarme Lkws und die digitale Verkehrssteuerung. 60 Prozent des Verkehrs in Südtirol sei aktuell Durchzugsverkehr, deshalb brauche es Absprachen mit den Nachbarländern und den betroffenen Staaten, um die Situation zu verbessern, meint Experte Ciurnelli.
17.00 Uhr: Im Mobilitätszentrum Brixen ist es ruhiger geworden. Alessandro, Elisabeth und Riccardo sind startklar, um mit dem Rad zum Einkaufen, zum Tennis und nach Hause zu fahren.
san
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